Ich wusste, dass mein Vater ein Geheimnis hatte, aber ich hätte nie gedacht, dass es unser ganzes Leben zerstören würde. An einem gewöhnlichen Sonntagabend, als wir am Esstisch saßen und er mir…

Ich wusste, dass mein Vater ein Geheimnis hatte, aber ich hätte nie gedacht, dass es unser ganzes Leben zerstören würde. An einem gewöhnlichen Sonntagabend, als wir am Esstisch saßen und er mir...

Wein war nicht immer das edle Getränk, das wir heute kennen. Vor nicht allzu langer Zeit war er schlicht überlebenswichtig. Stell dir vor, du lebst in einer europäischen Stadt zwischen dem 13. und 18.

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Jahrhundert und hast Durst. Vor dir steht ein Becher mit Wasser aus dem Fluss, der durch deine Stadt fließt. Der gleiche Fluss, in den Gerber ihre Chemikalien kippen, Schlachter Tierreste werfen und die halbe Nachbarschaft ihren Abfall entsorgt. Trinkst du davon, überlebst du die nächsten Wochen vielleicht nicht.

Typhus, Ruhr, Cholera. Direkt daneben steht ein Becher Wein. Der Alkohol und die natürliche Säure töten die meisten Krankheitserreger ab, die im Wasser lauern. Deshalb war Wein Jahrtausende lang kein Luxus, sondern ein Überlebensmittel.

Wer Wein trank, lebte länger. Wer Wasser trank, spielte mit seinem Leben. Diese Geschichte beginnt vor 8000 Jahren in einem kleinen Dorf im Südkaukasus. Bis ins 18.

Jahrhundert hinein war Wein für Millionen von Menschen tatsächlich sicherer als Wasser. Auf diesem Weg hat dieses eine Getränk Religionen geprägt, Handelsrouten geöffnet, Imperien ernährt und wäre beinahe selbst von der Erde verschwunden. Georgien, 6000 vor Christus. Etwa 50 Kilometer südlich der heutigen Hauptstadt Tiflis liegt ein Hügel namens Gadachrili Gora.

Vor 8000 Jahren standen dort runde Lehmhäuser in einem grünen, fruchtbaren Flusstal. Bauern der Jungsteinzeit hielten Vieh, bauten Getreide an und stellten Tongefäße her. Auf einigen dieser Gefäße hatten sie Trauben als Dekoration angebracht. Was genau sie mit diesen Trauben machten, blieb lange Zeit eine Vermutung.

Ein internationales Archäologenteam grub schließlich an zwei jungsteinzeitlichen Siedlungen. In der Erde fanden sie Scherben von acht großen Keramikkrügen, manche fassten bis zu 60 Liter. In Laboren in den USA analysierte man die Rückstände an der Innenseite der Scherben. Das Ergebnis war eindeutig: Weinsäure, Bernsteinsäure, Zitronensäure und Äpfelsäure.

Die chemische Signatur von Traubenwein. Die Radiocarbondatierung ergab ein Alter von rund 8000 Jahren. Das machte diesen Fund zum ältesten Nachweis von Weinherstellung auf der Welt. Der bisherige Rekordhalter waren Scherben aus dem Zagrosgebirge im Iran, etwa 5400 vor Christus.

Die georgischen Funde waren also mindestens 600 Jahre älter. Diese frühen Weine waren überraschend rein. Es gab keine Spuren von Baumharz oder Kräutern, die spätere Kulturen zur Haltbarmachung nutzten. Der Wein war ein Saisonprodukt, das kurz nach der Ernte getrunken werden musste.

Purer Traubenwein, ohne Zusätze. Vermutlich der erste reine Wein der Geschichte. Vom Südkaukasus breitete sich die Weinkultur langsam nach Süden und Westen aus. Phönizische und mesopotamische Händler trugen Reben und Wissen über das Mittelmeer.

Eine der ersten Hochkulturen, die dem Wein eine eigene religiöse Bedeutung gab, war Ägypten. Dort war Wein das Getränk der Götter und der Mächtigen. Man verband ihn mit Osiris, dem Gott der Wiedergeburt. In den Gräbern der Pharaonen finden sich Wandmalereien, die den gesamten Prozess der Weinherstellung zeigen.

Die Amphoren trugen Aufschriften mit Jahrgang, Weinbergsnamen und Qualitätsbewertung – ein System, das unserem modernen Etikett erstaunlich ähnlich sieht. Wein war in Ägypten allerdings kein Alltagsgetränk. Er war teuer und den oberen Schichten vorbehalten. Das einfache Volk trank Bier, das billiger war und die gleiche Sicherheit vor verunreinigtem Wasser bot.

Die Arbeiter, die die Pyramiden bauten, erhielten Teile ihres Lohns in Bier. Die eigentliche Explosion der Weinkultur fand in Griechenland statt. Die Griechen machten aus Wein ein soziales Ritual mit festen Regeln, Philosophie, Kunst und einem eigenen Gott. Dionysos, der Gott des Weins und des Rausches.

Zu seinen Ehren feierten die Griechen jährliche Feste, aus denen sich das griechische Theater entwickelte. Die Grundlagen der gesamten westlichen Theatertradition haben ihre Wurzeln in Weinfesten. Dionysos brachte den Athenern angeblich bei, ihren Wein mit Wasser zu verdünnen. Das war eine Grundregel der griechischen Zivilisation.

Griechischer Wein wurde in Lederschläuchen gelagert und konnte bis zu 16 Prozent Alkohol erreichen. Unverdünnt war er bitter und fast ungenießbar. Also mischte man ihn in einem großen Gefäß namens Krater. Wer seinen Wein unverdünnt trank, galt als Barbar.

Das zentrale Ritual war das Symposion, wörtlich übersetzt „gemeinsam trinken“. Die größten Denker der Antike diskutierten ihre wichtigsten Ideen bei Wein. Platon beschrieb ein Symposion in seinem berühmten Dialog, bei dem die Teilnehmer über die Natur der Liebe philosophieren, während der Wein kreist. Es war keine Trinkparty, sondern eine intellektuelle Institution.

Griechische Kolonisten trugen Rebstecklinge mit sich, als sie neue Siedlungen gründeten. Um 600 vor Christus erreichten sie Massalia, das heutige Marseille. Von dort wanderte der Weinbau das Rhonetal hinauf und tiefer nach Gallien. Das war die Geburtsstunde des französischen Weins.

Was die Griechen begonnen hatten, brachten die Römer auf eine völlig andere Ebene. Rom machte Wein zu einem Getränk für alle. Jeder trank Wein: Sklaven, Bauern, Handwerker, Senatoren, Kaiser. Am oberen Ende der Qualitätsskala stand der legendäre Falerner aus Kampanien.

Plinius der Ältere nannte ihn den stärksten Wein überhaupt. In Pompeji stand an einer Gaststättenwand eine Preisliste: „Für einen As trinkst du Wein, für zwei trinkst du den Besten, für vier trinkst du Falerner. “ Ein Soldat verdiente zehn Asse am Tag. Am anderen Ende stand Posca, ein Gemisch aus Weinessig und Wasser.

Es klang furchtbar, war aber genial. Posca war das Standardgetränk der römischen Armee. Der Essig war billig, lange haltbar und tötete Bakterien im Wasser ab. Römische Soldaten trugen neben ihren Schwertern Rebstecklinge mit sich.

Bordeaux, die Mosel, die Rioja, der Rhein – sie gehen auf römische Pflanzungen zurück. Als das weströmische Reich im fünften Jahrhundert zusammenbrach, hätte die Weinkultur mit ihm verschwinden können. Tat sie aber nicht. Der Grund trug eine Kutte.

Ab dem sechsten Jahrhundert übernahmen Mönche die Rolle der Winzer Europas. Die Klöster waren landwirtschaftliche Großbetriebe, Versuchsanstalten und die besten Weinproduzenten des Kontinents. Die Benediktiner machten den Anfang. Wein brauchte man für die tägliche Messe, also brauchte jedes Kloster einen Weinberg.

Dann kamen die Zisterzienser. Sie wollten strenge Arbeit und Bescheidenheit. Sie suchten sich ein sumpfiges Stück Land in Burgund, trockneten den Sumpf und pflanzten Reben. Das Ergebnis war der berühmte Weinberg Clos de Vougeot.

Die Zisterzienser brachten etwas Neues in den Weinbau: systematische Dokumentation. Sie notierten Bodentypen, Erntetechniken und Rebsorten. Diese akribische Beobachtung war die Geburt des Terroir-Konzepts, der Idee, dass der Geschmack eines Weins untrennbar mit dem Boden, der Lage und dem Klima verbunden ist. In der Champagne arbeitete ein Benediktinermönch namens Dom Pierre Pérignon in der Abtei Hautvillers.

Die Geschichte, er habe den Champagner erfunden, ist eine Vereinfachung. Sein Beitrag zur Qualitätskontrolle und Verschnitttechnik war trotzdem enorm. Während all dieser Jahrhunderte war Wein im Alltag der gewöhnlichen Menschen vor allem eines: die sichere Wahl. In den Städten waren die hygienischen Bedingungen katastrophal.

Flüsse dienten gleichzeitig als Trinkwasserquelle und Abwasserkanal. Die Menschen wussten nicht, warum Wasser sie krank machte, aber sie wussten, dass es passierte. Also tranken sie Wein. Auch morgens, auch die Kinder, natürlich verdünnt.

Auf Schiffen war das Problem noch akuter. Frischwasser wurde innerhalb weniger Tage brackig. Die einzige trinkbare Flüssigkeit auf langen Seereisen war Wein oder Bier. So funktionierte es über Jahrhunderte, bis in den 1860er Jahren eine Katastrophe begann.

In Südfrankreich fingen Weinreben an zu sterben. Zuerst einzelne Stöcke, dann ganze Reihen, dann komplette Weinberge. Die Blätter verfärbten sich braun, die Trauben reiften nicht mehr. Niemand wusste warum.

Ein Botaniker namens Jules Émile Planchon grub absterbende Pflanzen aus und fand an den Wurzeln tausende winziger gelblicher Insekten. Es war die Reblaus, ein Schädling, der mit der Blattlaus verwandt ist. Die Reblaus stammte aus Amerika. Mitte des 19.

Jahrhunderts war sie auf importierten amerikanischen Reben nach Europa gekommen. Amerikanische Reben hatten sich über Jahrtausende angepasst und waren resistent. Europäische Reben hatten nie Kontakt mit dem Insekt gehabt und besaßen keinerlei Abwehr. Die Reblaus bohrte sich in ihre Wurzeln und tötete sie.

Die Ausbreitung war nicht aufzuhalten. Bordeaux war Ende der 1860er Jahre betroffen, Spanien in den 70ern, die Champagne um 1890. Bis zur Jahrhundertwende waren mehr als sechs Millionen Hektar europäischer Weinberge zerstört. Frankreich allein verlor etwa zwei Drittel aller Rebstöcke.

Ganze Dörfer, die vom Weinbau abhingen, verarmten. Die Winzer probierten alles: Sie überschwemmten Weinberge, spritzten giftige Chemikalien, vergruben sogar lebende Kröten. Nichts funktionierte dauerhaft. Die Rettung kam ausgerechnet von dort, wo das Problem herkam.

Man pfropfte europäische Edelreben auf amerikanische Unterlagsreben. Oben wächst die europäische Traube mit ihrem Geschmack, unten schützt die amerikanische Wurzel vor der Reblaus. Ab den 1880er Jahren wurden tausende Tonnen amerikanischer Rebhölzer nach Marseille verschifft. Es funktionierte und wird bis heute praktiziert.

Die große Mehrheit aller Weinreben auf der Welt wächst auf amerikanischen Wurzeln. Ungefähr zur gleichen Zeit veränderte sich etwas anderes grundlegend. Im 18. und 19.

Jahrhundert lernten die Menschen, ihr Trinkwasser sicher aufzubereiten. Filtersysteme, Chlorierung, geschlossene Wasserleitungen. Zum ersten Mal in der Geschichte konnten Städte sauberes Wasser liefern, ohne dass jemand daran starb. Der Grund, aus dem die Menschheit Jahrtausende lang Wein trank, fiel weg.

Wein wurde langsam zu einem Genussmittel, einem Kulturgut, einem Ausdruck von Herkunft und Handwerk. Die Weinregionen, die einst Überlebensgrundlage ganzer Gemeinschaften waren, wurden zu Reisezielen und Luxusmarken. Die Reben, die heute dort wachsen, sind direkte Nachkommen jener Pflanzen, die griechische Kolonisten vor über 2600 Jahren ans Mittelmeer brachten, die römische Soldaten über die Alpen trugen, die Mönche in ihren Klostergärten pflegten und die auf amerikanischen Wurzeln vor dem Aussterben gerettet wurden. 8000 Jahre von einem Tonkrug in einem georgischen Dorf bis zu den Milliarden Flaschen, die heute auf der ganzen Welt geöffnet werden.

Kein anderes Getränk hat eine so lange Geschichte. Wein war Medizin, als es noch keine Medizin gab. Er war Religion, bevor er Genuss war.

Und die nächste Flasche, die du öffnest, trägt all das in sich.