Das Handy klingelte mitten in der Nacht. Rita riss es sofort vom Tisch, als sie den Namen des Ehepaares sah. „Deine Mutter hatte einen Herzinfarkt“, sagte die Frau am anderen Ende der Leitung. „Du musst sofort ins Krankenhaus kommen.

Wir holen dich ab. “
Rita kannte dieses Paar gut. Ina und Marco hatten sich seit ihrer Ankunft in Deutschland um sie und ihre Mutter gekümmert, waren bei Behördengängen dabei gewesen, hatten ihr bei der Geburt ihrer Tochter beigestanden. Sie vertraute ihnen.
In dieser Nacht stieg sie mit dem Baby auf dem Arm in ihr Auto. Sie hätte nicht ahnen können, dass sie damit in ihren eigenen Tod fuhr. Wochen zuvor, im März 2024, hatte ein Passant in Hockenheim am Rheinufer einen verkohlten Leichnam entdeckt. Die Polizei wurde sofort gerufen.
Bei unserem Eintreffen bot sich kein schöner Anblick, erinnert sich Kommissar Stefan V. von der Kripo Heidelberg. Der Leichnam war bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Man konnte nicht einmal erkennen, ob es ein Mann oder eine Frau war.
Die Spurensicherung kam an den Fundort, die Rechtsmediziner führten eine erste Leichenschau durch. Es handelte sich um eine Frau zwischen 25 und 35 Jahren, die durch stumpfe Gewalt ums Leben gekommen war. Eine Sonderkommission wurde eingerichtet, bis zu 60 Beamte arbeiteten an dem Fall. Doch weder die Überprüfung aktueller Vermisstenfälle noch irgendeine andere Spur brachte zunächst einen Durchbruch.
Dann kam ein Hinweis aus der Ukraine. Eine Frau meldete sich per E-Mail und schilderte, dass sie ihre Mutter und ihre Schwester seit Tagen nicht erreichen konnte. Sie hatte täglich mehrfach Kontakt zu beiden gehabt, und nach zwei Tagen Funkstille wurde ihr das unheimlich. Sie stellte eine Anfrage an das Revier in Wiesloch.
Die Vermissten waren die 27-jährige Rita R. und ihre 51-jährige Mutter Marina S. , Geflüchtete, die in einer Gemeinschaftsunterkunft in Wiesloch lebten. Mithilfe von Fotos aus sozialen Netzwerken konnten die Ermittler Schmuckstücke und das Smartphone am Toten identifizieren.
Die DNA-Analyse bestätigte es einen Tag später: Die Tote vom Rheinufer war Rita R. Doch ihre Mutter Marina blieb verschwunden. Und dann entdeckten die Ermittler etwas, das den Fall noch grausamer machte: Rita hatte kurz vor ihrem Tod ein Kind zur Welt gebracht. Von dem Baby fehlte jede Spur.
Die Ermittler konzentrierten sich auf Ritas Umfeld. Sie befragten alle Bewohner der Unterkunft und sprachen mit ihrem Freund, der am Abend des 6. März zum letzten Mal Kontakt zu ihr gehabt hatte. Immer wieder tauchte dabei ein Name auf: ein Ehepaar, das sich rührend um die ukrainischen Frauen gekümmert hatte.
Ina und Marco O. , sie eine Fußpflegerin, er ein gelernter Koch, wurden als Wohltäter beschrieben. Sie hatten die Familie bei Behördengängen unterstützt, und Ina war sogar bei der Geburt von Ritas Kind im Krankenhaus dabei gewesen. Laut Ritas Schwester hatte genau dieses Ehepaar die beiden Frauen am Abend vor dem Fund der Brandleiche zu einer Feier in ein Lokal bei Karlsruhe eingeladen.
Dort wollte man den Geburtstag des Ehemanns feiern. Die Ermittler werteten die Funkzellendaten aus, die an diesem Abend am Restaurant und an der Unterkunft erhoben wurden. Genau zwei Handys waren an beiden Orten aktiv: die von Ina und Marco. Dann ging ein anonymer Hinweis ein.
Ein Zeuge berichtete, dass das Ehepaar ein oder zwei Tage nach Ritas Tod einen Säugling zu einer Familienfeier mitgebracht hatte. Sie hätten das Kind als ihre neue Tochter ausgegeben und behauptet, es sei in Tschechien adoptiert worden. Doch der Hinweisgeber zweifelte: Seiner Einschätzung nach hatte das Paar nicht genug Geld für eine solche Adoption. Für die Behörden stand jetzt das Wohl des Kindes an erster Stelle.
Sie entschieden sich zum Zugriff. Noch am selben Tag nahmen Spezialkräfte Ina fest, als sie mit einem Säugling auf dem Arm das Haus ihrer Eltern verließ. Marco wurde widerstandslos in der Wohnung festgenommen. Der DNA-Abgleich bestätigte den schlimmsten Verdacht: Das Baby, das das Paar als sein adoptiertes Kind ausgegeben hatte, war in Wahrheit die Tochter von Rita R.
Ina und Marco schwiegen zunächst vollständig. Auch zum Schicksal der vermissten Großmutter Marina gaben sie nichts preis. Doch die Auswertung ihrer Handydaten führte die Ermittler zu einer Seenlandschaft in Bad Schönborn. Dort hatten sich die beiden am späten Abend des 6.
März aufgehalten. Drei Tage lang suchten Polizeitaucher, ein Hubschrauber und Personenspürhunde die Gewässer ab – ohne Erfolg. Am vierten Tag fanden Taucher schließlich die Leiche von Marina S. in einem der Seen.
Die Obduktion konnte nicht abschließend klären, ob Marina bereits tot war, als sie ins Wasser gelassen wurde. Die schweren Schläge auf ihren Kopf ließen das aber vermuten. Im Haus der Täter stellten die Ermittler einen Benzinkanister und ein Stahlseil sicher. Mutmaßlich war es Marina um den Hals gelegt worden, bevor sie ins Wasser gezogen wurde.
Die Auswertung der Handychats offenbarte nach und nach das Motiv. Ina und Marco hatten über ein Jahr lang geplant, in den Besitz eines weiblichen Säuglings zu kommen. Sie hatten bereits drei Kinder, doch alle drei waren Jungen. Zunächst hatten sie die Entführung eines Babys im Ausland erwogen.
Dann lernten sie Anfang 2024 Rita kennen – über eine Telegram-Gruppe, die neu angekommene Flüchtlinge aus der Ukraine unterstützte. Ina baute eine enge Bindung zu Rita und dem Kind auf. Sie war bei der Geburt im Krankenhaus dabei und schaffte es, Situationen zu schaffen, in denen Rita ihr das Kind anvertraute. Ina erschien mehrfach mit dem Baby bei einer Frauenärztin und besorgte sich eine Bescheinigung über eine spontane Hausgeburt.
Mit dieser Bescheinigung gelang es dem Paar auf dem Standesamt, eine Geburtsurkunde für das Kind auf einen neuen Namen zu erhalten. Gegenüber der Familie sprachen sie von einer Adoption, gegenüber Nachbarn und Kollegen von einer eigenen Schwangerschaft. Die Ermittler rekonstruierten den Tatablauf. Am Abend des 6.
März luden Ina und Marco Rita und Marina zu einem Geburtstagsessen ein. Nach dem Essen verabreichten sie ihren Opfern Getränke, die mit sedierenden Medikamenten versetzt waren. Marinas Zustand verschlechterte sich dramatisch. Sie stimmte zu, allein ins Krankenhaus gefahren zu werden – ohne Rita.
Doch Ina und Marco fuhren nicht in eine Klinik. Sie brachten Marina zu dem See, den sie zuvor ausgekundschaftet hatten. Dort angekommen, schlugen sie sie mit mehreren Schlägen gegen den Kopf, bis sie handlungsunfähig war. Sie zogen ihren Körper mit einem Stahlseil ins Wasser und versenkten ihn im See.
Anschließend fuhren sie nach Hause und warteten. Mitten in der Nacht riefen sie Rita an und erzählten ihr, ihre Mutter habe einen Herzinfarkt erlitten. Rita verließ mit ihrem Kind die Unterkunft und stieg zu ihnen ins Auto. Gegen fünf Uhr morgens erreichten sie das Rheinufer in Hockenheim.
Rita war schläfrig, nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte. Die Täter holten sie aus dem Auto, legten sie in ein Gebüsch und schlugen ebenfalls auf ihren Kopf, bis sie tot war. Dann übergossen sie ihren Körper mit Benzin und zündeten ihn an. Das Kind nahmen sie mit nach Hause.
Im Januar 2025 legten Ina und Marco am Landgericht Mannheim ein Geständnis ab. Sie wurden wegen Mordes in zwei Fällen zu lebenslanger Haft verurteilt. Die besondere Schwere der Schuld wurde festgestellt. Die Richter sprachen von einem skrupellosen und überaus kaltblütigen Handeln.
Ritas kleine Tochter lebt inzwischen bei ihrer Familie in der Ukraine.


