Der Kapitän selbst saß an unserem Tisch, hob das Glas und nippte an seinem Champagner, während die Kellner in weißen Handschuhen zwischen den Gästen glitten. Niemand von uns ahnte, dass dieses…

Der Kapitän selbst saß an unserem Tisch, hob das Glas und nippte an seinem Champagner, während die Kellner in weißen Handschuhen zwischen den Gästen glitten. Niemand von uns ahnte, dass dieses...

Kapitän Edward Smith saß in seiner Uniform mitten unter den Gästen, hob das Glas und ließ sich Champagner nachschenken. Das reiche Ehepaar aus Philadelphia hatte zu einem Dinner geladen, und der Ehrengast war niemand anderes als der Kapitän selbst. Es war der 14. April 1912, kurz nach neun Uhr abends, und im À-la-carte-Restaurant der Titanic, das die Passagiere nur „das Ritz“ nannten, wurde das Feinste aufgefahren, was die Küche zu bieten hatte.

Thumbnail

Luigi Gatti, der elegante Italiener, der das Restaurant führte, hatte seine eigene Mannschaft mit an Bord gebracht – rund sechzig Kellner, Köche und Küchenjungen, die meisten aus Italien und Frankreich. Sie gehörten nicht zur Besatzung des Schiffes, sie waren Gattis Männer. Draußen war die See vollkommen ruhig, spiegelglatt, die Luft eisig und klar. Keiner der Gäste ahnte, dass dieses Schiff in weniger als fünf Stunden auf dem Grund des Ozeans liegen würde.

Um zehn Uhr entschuldigte sich Kapitän Smith und ging zurück auf die Brücke. In der ersten Klasse wurde der letzte Gang serviert: französisches Eis, Pfirsiche in Gelee. Danach zogen sich die Herren ins Rauchzimmer zurück zu Portwein und Zigarren. Es war der friedlichste Abend, den man sich denken kann.

Doch das hier ist die Geschichte der letzten Mahlzeit der Titanic – von ganz unten im Schiff bis ganz nach oben. Und um zu verstehen, was in dieser Nacht auf den Tellern lag, muss man ganz von vorne anfangen, bei einem Schiff, das nicht nur schwimmen, sondern die Welt verwöhnen sollte. Die Titanic war das größte bewegliche Objekt, das Menschen bis dahin gebaut hatten. Fast dreihundert Meter lang, Stockwerke hoch – und ein erstaunlich großer Teil davon war nichts als Küche.

Bevor sie am 10. April in Southampton ablegte, wurde sie beladen, als sollte sie eine ganze Stadt ernähren. Und im Grunde tat sie genau das. An Bord kamen 40.

000 frische Eier, 40 Tonnen Kartoffeln, über 30 Tonnen frisches Fleisch und mehrere Tonnen frischer Fisch. Dazu 36. 000 Orangen, 7. 000 Köpfe Salat, fast 6.

000 Liter frische Milch und mehr als tausend Brote, die jeden Tag an Bord frisch gebacken werden mussten. In den Kühlräumen lagerten 20. 000 Flaschen Bier, tausend Flaschen Wein und mehrere tausend Zigarren. All das für eine Reise, die nur wenige Tage dauern sollte.

Die Titanic war kein Schiff mit einem Restaurant – sie war ein schwimmendes Grand Hotel. Aber wer von all dem etwas auf den Teller bekam, hing vollständig davon ab, welche Fahrkarte man besaß. Denn dieses Schiff war in mehrere Welten geteilt, übereinander gestapelt wie die Stockwerke eines Hauses. Und die Grenze zwischen ihnen verlief mitten durch den Speiseplan.

Ganz unten, tief unter der Wasserlinie, dort wo kein Passagier je hinkam, lag das Herz der Titanic: die Kesselräume. Hier schufteten die Heizer, Männer, die man die „schwarze Mannschaft“ nannte, weil sie von Kopf bis Fuß mit Kohlenstaub bedeckt waren. Hunderte von ihnen schaufelten in glühender Hitze rund um die Uhr Kohle in die Feuer, damit das Schiff überhaupt fuhr. Es war die härteste Arbeit an Bord.

Was diese Männer zu essen bekamen, war einfach und kräftig: dicke Eintöpfe, Suppe, Salzfleisch, harter Schiffszwieback und Berge von Brot. Kein Champagner, keine Austern – nur schwere, sättigende Kost, hastig geschlungen in kurzen Pausen, direkt neben der Hitze der Öfen. Es war das Essen von Arbeitern, die Kraft brauchten, nicht Genuss. Doch steig nur ein Deck höher, und dich erwartet die erste große Überraschung dieser Geschichte.

Über den Maschinen, immer noch tief im Schiff, lag die dritte Klasse, das Zwischendeck. Hier reisten die Auswanderer: Familien aus Irland, aus Skandinavien, aus halb Europa, die alles verkauft hatten, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Man würde erwarten, dass für die Ärmsten an Bord kaum mehr blieb als das Allernötigste. Aber genau hier liegt die Überraschung.

Die dritte Klasse der Titanic bekam drei warme Mahlzeiten am Tag. Zum Frühstück Haferbrei, Räucherhering, Eier mit Speck, frisches Brot und Marmelade. Mittags eine warme Suppe, Roastbeef mit brauner Soße, Kartoffeln und zum Nachtisch Pflaumenpudding. Für viele dieser Menschen war das mehr und besser, als sie in ihrem ganzen bisherigen Leben je zu essen bekommen hatten.

Manche aßen auf dieser Überfahrt zum ersten Mal an mehreren Tagen hintereinander Fleisch. Auf dem Papier war die dritte Klasse bescheiden – in Wahrheit war sie für ihre Zeit ungewöhnlich großzügig. In der zweiten Klasse reisten Lehrer, Pfarrer, Ingenieure, das gehobene Bürgertum. Und das Erstaunliche ist: Was diese Menschen zu essen bekamen, hätte in den meisten Hotels an Land als Festessen gegolten.

Gebackener Fisch, gewürztes Lamm, Roastbeef, dazu Pudding, Nüsse und frisches Obst, serviert an gedeckten Tischen mit weißem Leinen. Die zweite Klasse der Titanic aß besser als die erste Klasse auf so manchem anderen Schiff jener Zeit. Doch all das – die Heizer, das Zwischendeck, die feinen Bürger – war nur die Vorbereitung. Jetzt kommen wir hinauf zu den obersten Decks, und dort wartet ein Luxus, den die Welt bis dahin nicht gekannt hatte.

Ganz oben unter den Kronleuchtern reiste das Geld der Welt: Millionäre, Industrielle, Adlige. Für sie war Essen kein Sattwerden, sondern eine Aufführung. Der Speisesaal der ersten Klasse war der größte Raum, der bis dahin je auf einem Schiff gebaut worden war. Helle Wände, weiche Teppiche, Platz für über 500 Gäste zur gleichen Zeit.

Das Abendessen zog sich über Stunden hin, Gang um Gang, bis zu zehn an der Zahl. Zehn Gänge, Austern, Filet Mignon, gebratene Ente, Lammrücken, Gänseleber. Zwischen den schweren Gängen wurde ein eisiger Punsch aus Champagner, Rum und Wein gereicht, allein dazu gedacht, den Gaumen zu erfrischen, bevor es weiterging. Es war Essen als reine Verschwendung, als Zurschaustellung von Reichtum.

Und wem selbst das noch nicht genügte, der stieg noch eine Treppe höher. Denn die Titanic besaß etwas, das es auf einem Schiff so noch nie gegeben hatte: ein eigenes À-la-carte-Restaurant, das fast rund um die Uhr geöffnet war. Die Passagiere nannten es einfach „das Ritz“. Vergoldete Wände, feinste französische Küche, weiße Tischdecken bis zum Boden.

Wer hier speiste, zahlte extra – sogar, wenn er ohnehin schon erste Klasse fuhr. Geführt wurde es von dem eleganten Italiener Luigi Gatti, der seine eigene Mannschaft mit an Bord gebracht hatte. So unterschiedlich all diese Welten auch aßen – von den Heizern unten bis zu den Millionären oben –, sie hatten eine Sache gemeinsam. Für die allermeisten Menschen an Bord würde der 14.

April die letzte Mahlzeit ihres Lebens werden. Es war kurz vor Mitternacht, als es geschah. Ein Ausguck hoch oben im Mastkorb sah ihn zu spät: direkt vor dem Bug ein Berg aus Eis, schwarz gegen den Sternenhimmel. Die Titanic riss noch herum, aber es reichte nicht.

Unter der Wasserlinie schlitzte das Eis eine Reihe von Löchern in den stählernen Rumpf. In den Küchen, wo eben noch das Geschirr des letzten Abendessens gespült wurde, spürte man kaum mehr als ein leises Zittern. Niemand ahnte in diesem Augenblick, dass das größte Schiff der Welt bereits dem Untergang geweiht war. Zweieinhalb Stunden blieben noch.

Und jetzt kehren wir zurück zu den Männern, die wir uns merken sollten: zu Gattis Leuten, den Kellnern und Köchen des Ritz. Sie gehörten nicht zur Schiffsbesatzung, also hatten sie keine Aufgabe an den Rettungsbooten. Man befahl ihnen, unter Deck zu bleiben, aus dem Weg. Von den rund sechzig Männern, die in Gattis Restaurant gearbeitet hatten, überlebte am Ende nur eine Handvoll.

Luigi Gatti selbst, der elegante Gastgeber, ertrank in dieser Nacht. Doch es gibt aus dieser Nacht auch eine Geschichte, die fast unglaublich klingt. Der Chefbäcker der Titanic hieß Charles Joughin. Als klar wurde, dass das Schiff sinkt, schickte er seine Bäcker mit Armen voller Brotlaibe hinauf an Deck, damit die Menschen in den Rettungsbooten wenigstens etwas zu essen hätten.

Dann tat Joughin etwas Seltsames: Er trank einen kräftigen Schluck Whisky. Und als das Schiff schließlich unterging und sich das Heck steil in den Himmel hob, kletterte er beinahe gemächlich über die Reling ins Wasser. Joughin trieb Stunden im eiskalten Wasser des Nordatlantiks, in dem die meisten Menschen binnen Minuten starben. Und er überlebte.

Er selbst erzählte später, er habe die Kälte kaum gespürt. Der Bäcker der Titanic gehörte zu den letzten Menschen, die das Deck verließen – und zu den ganz wenigen, die lebend aus dem Wasser gezogen wurden. Um 2:20 Uhr am Morgen des 15. April brach die Titanic in zwei Teile und versank.

Von den mehr als 2. 200 Menschen an Bord starben über 1. 500. Und hier schließt sich der Kreis zu dem, womit wir angefangen haben: zum Essen.

Denn dieselbe unsichtbare Grenze, die auf der Titanic bestimmte, wer Austern und Champagner bekam und wer Haferbrei, entschied in dieser Nacht auch darüber, wer lebte und wer starb. In der ersten Klasse, oben nahe an den Rettungsbooten, überlebten etwa zwei von drei Passagieren. In der dritten Klasse, tief unten im Schiff hinter langen Gängen und Treppen, die viele im Chaos nie fanden, überlebte nur etwa einer von vier. Die Menschen, die tagelang das beste Essen ihres Lebens genossen hatten, waren dieselben, die als erste in die Boote durften.

Als in den Tagen danach das Rettungsschiff die Überlebenden nach New York brachte, trugen einige von ihnen etwas Merkwürdiges bei sich: Speisekarten, zusammengefaltete Menükarten vom letzten Abend, die sie sich als Andenken eingesteckt hatten – nur Stunden, bevor ihre Welt unterging. Bis heute existieren diese Karten. Ein paar dünne Blätter Papier, auf denen in geschwungener Schrift steht, was in jener letzten Nacht serviert wurde: Austern, Filet Mignon, Punsch. Eine einzige dieser Karten wird heute für Hunderttausende versteigert.

Denn sie ist weit mehr als eine Speisekarte. Sie ist das letzte Bild eines Abends, an dem tausend Menschen ahnungslos das feinste Mahl ihres Lebens genossen, während sich der Ozean unter ihnen bereits öffnete. Die Titanic wollte die Welt vor allem mit einer Sache beeindrucken: nicht nur mit ihrer Größe, sondern mit ihrem Luxus, mit dem Versprechen, dass an Bord dieses Schiffes einfach alles möglich sei.

Am Ende blieb von diesem ganzen Versprechen nur ein Stück Papier in einer nassen Manteltasche – und die Erinnerung an das prächtigste Mahl, das jemals auf den Grund des Meeres sank.