Der Anruf kam am Vormittag an, und niemand in der Anwaltskanzlei nahm ab. Das war ungewöhnlich, denn Cynthia Anderson war eine verlässliche Sekretärin. Aber an diesem Morgen des 4. August 1981 blieb das Telefon stumm.

Als Anwalt James Rabbit das Büro mittags aufschloss, fand er Cynthias Platz leer. Ihr Auto stand vor der Tür. Ihre Tasche, ihre Schlüssel, alles war weg. Nur ihr Liebesroman lag auf dem Schreibtisch, aufgeschlagen an einer Seite, auf der die Protagonistin gewaltsam entführt wurde.
Cynthia war zwanzig Jahre alt, lebte bei ihren Eltern und sparte fürs College. Sie war ein ruhiges, gehorsames Mädchen, tief religiös erzogen, und sie hatte keine Feinde. Doch seit einem Jahr quälten sie Albträume: ein Mann, der an ihre Tür klopft, sie erkennt, sie verfolgt, sie tötet. Sie hatte ihrer Mutter davon erzählt, aber die beruhigte sie nur.
Zwischen 9:45 Uhr und 10 Uhr verschwand Cynthia aus dem gut einsehbaren Büro. Keine Schreie, kein Kampf. Keine Zeugen. Die erste Spur führte zu einem Graffiti, das ein Jahr zuvor auf der Mauer gegenüber aufgetaucht war: „Ich liebe dich, Cindy – G.
W. “ Cynthia hatte es von ihrem Schreibtisch aus sehen können. Sechs Monate lang blieb es stehen, wurde übermalt, tauchte wieder auf. Die Polizei vermutete einen Stalker, doch niemand passte auf die Initialen.
Dann meldete sich ein Klient: Am Tag vor Cynthias Verschwinden hatte sie merkwürdige Anrufe bekommen. Sie hob ab, legte sofort wieder auf, ihr Gesicht war vor Angst verzerrt. „Es ist schon okay“, sagte sie, aber es war nicht okay. Einen Monat später ging ein anonymer Anruf bei der Polizei ein.
Eine nervöse Frauenstimme flüsterte, Cynthia werde im Keller eines weißen Hauses festgehalten, in einem von zwei nebeneinanderstehenden Häusern derselben Familie. Dann legte sie auf. Sie rief noch einmal an, aber als die Polizei das Gespräch mitschneiden wollte, war sie weg. Keine Adresse, keine Spur.
Die Behörden prüften beide Theorien. Ein freiwilliges Verschwinden? Cynthia hatte nie Geld abgehoben, ihre Sozialversicherungsnummer wurde nie wieder verwendet. Aber sie hätte bar sparen können, und 1981 war Untertauchen einfacher als heute.
Ein Verbrechen? Ein Zeuge behauptete später, der Anwalt Richard Neller, der selbst als Drogenschmuggler verurteilt wurde, habe Cynthia zusammen mit einem Klienten entführen lassen, weil sie ein Gespräch über Drogen mitgehört hatte. Doch der Zeuge galt als unglaubwürdig, ein Prozess wurde nie eröffnet. Bis heute wurde Cynthias Leichnam nie gefunden.
Ihr Vater Michael wartete 28 Jahre lang auf ein Zeichen. Er zog nie um, änderte nie seine Telefonnummer. Er hoffte, Cynthia würde eines Tages anrufen, vielleicht mit einer Amnesie-Erklärung. Er starb 2008, ohne diese Antwort zu bekommen.
Cynthias Mutter starb zwei Jahre nach dem Verschwinden ihrer Tochter an Krebs. Auch 2024 bleibt der Fall offen: Richard Neller, der verdächtigte Anwalt, starb im Alter von 80 Jahren und nahm sein mögliches Geheimnis mit ins Grab. Ob Cynthia Anderson tot ist oder irgendwo ein völlig anderes Leben führt, weiß niemand.


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