Am frühen Sonntagmorgen des 31. Juli 2022 ist ein Motorradfahrer in Strongsville, Ohio, auf dem Weg zur Arbeit. Die Straßen sind wie leer gefegt, als er gegen 6:30 Uhr an einer Betonwand eines großen Gebäudes etwas entdeckt: ein schwer demoliertes Auto. Der vordere Teil des Wagens ist komplett zerstört.

Kein Geräusch, keine Bewegung. Der Motorradfahrer alarmiert sofort den Notruf und ahnt nicht, dass er damit nur ein Leben retten kann – zwei weitere sind bereits verloren. Das Auto ist keine Unfallstelle. Es ist eine Mordwaffe.
McKenzie Sherilla wird 2004 in Ohio geboren. Sie ist 17 Jahre alt, hat gerade ihren Highschool-Abschluss in der Tasche und ist seit vier Jahren mit Dominic Russo zusammen. Er ist 20, träumt von einer eigenen Modelinie und wohnt mit ihr seit Anfang 2022 in einer Immobilie seiner Familie, direkt neben seinen Eltern und seinem Bruder. McKenzie postet regelmäßig auf TikTok zu Fashion, Beauty und Lifestyle und hat sich eine beachtliche Fangemeinde aufgebaut.
Doch seit dem Zusammenziehen kippt etwas in der Beziehung. Es kommt immer wieder zu Streitereien, bei denen McKenzie als Aggressorin auftreten soll. Auch die Eltern ihres gemeinsamen Freundes Devian Flennigan beschreiben sie als Mobberin, die Menschen erniedrigen will. Sie nennen sie eine narzisstische, unangenehme Person.
Trotzdem hält die Beziehung und auch die Freundschaft zu Devian. Am letzten Juli-Wochenende 2022 suchen die drei einen Abend aus. Sie besuchen zuerst eine ruhige Feier bei McKenzies Freundin Kelly, bleiben aber weniger als eine Stunde. Dann fahren sie zu einer Hausparty bei ihrem Kumpel Paul Burlinghaus.
Die Stimmung ist entspannt, es wird Gras geraucht. Paul selbst raucht nicht mit und zieht sich schon um Mitternacht müde zurück. McKenzie, Dominic und Devian bleiben noch stundenlang. Erst um 5:30 Uhr am Morgen verlassen sie das Haus.
Zehn Minuten später sind zwei von ihnen tot. Am Morgen des 31. Juli treffen Notärzte und Polizei an der Kreuzung zwischen Progress Drive und Alida Drive ein. Ein 2018er Toyota Camry ist frontal gegen die Wand eines Gebäudes gekracht.
Selbst erfahrene Rettungskräfte sind geschockt. Einer sagt, es sei die schlimmste Unfallstelle, die er je gesehen habe. Im Wagen befinden sich drei nicht ansprechbare Personen. Eine Frau sitzt am Steuer, auf dem Beifahrersitz ein Mann, auf der Rückbank ein weiterer Mann.
Beide Männer haben keine Sicherheitsgurte angelegt. Die beiden jungen Männer können nur noch tot geborgen werden. Die dritte Person ist bewusstlos, aber am Leben. Die 17-jährige Fahrerin ist eingeklemmt und wird von einer Spezialeinheit befreit.
Als McKenzie endlich aus dem Wrack gezogen wird, beginnt sie zu schreien. Dann stellt sie eine einzige Frage: „Wie geht es Devian? “ Ihr Geschrei und ihre Frage bedeuten den Einsatzkräften, dass sie bei Bewusstsein ist. Ein Rettungshubschrauber rückt an, doch Devian verstirbt, bevor er eintreffen kann.
Genau wie Dominic, der eine zu schwere Kopfverletzung erlitten hat. Nur McKenzie kann mit dem Hubschrauber in eine Klinik gebracht werden. Dort wird sie mehrfach notoperiert und ist außer Lebensgefahr. Zwischen dem Unfall und dem Notruf lagen etwa 45 Minuten.
Zu dieser frühen Uhrzeit war niemand an der Stelle vorbeigekommen, der das Auto hätte bemerken können. McKenzie hat ein gebrochenes Bein und mehrere gebrochene Rippen. Als sie im Krankenhaus wieder zu Bewusstsein kommt, muss ihr mitgeteilt werden, dass ihr Freund Dominic tot ist – genau wie ihr Kumpel Devian. Devian wurde nur 19 Jahre alt und hinterlässt zwei Schwestern.
Er war Quarterback seiner Footballmannschaft und wollte eigentlich Herstylist werden. Während McKenzie sich in der Klinik erholt, wird für Dominic eine Online-Trauerseite eingerichtet. McKenzie schreibt dort: „Ich vermisse dich, Schatz. Ich habe immer noch das Gefühl, dass du jeden Moment zur Tür hereinkommen wirst.
Ich vermisse dein Lachen, dein perfektes Lächeln. Gott, du bist der letzte Mensch, der das verdient hat. Bitte warte auf mich. “
Am 8.
August 2022 wird Dominic Russo beigesetzt, eine Woche nach der tödlichen Autofahrt. McKenzie hinterlässt wieder einen Eintrag. Immerhin ist sie mit der Familie von Dominic in Kontakt. In einer SMS an Dominiks Mutter schreibt sie: „Ich erinnere mich, dass ich in die Straße eingebogen bin und dann wurde alles schwarz vor meinen Augen.
Es macht mich wirklich fertig, dass ich mich an nichts erinnern kann. Ich habe meine Therapeutin gefragt, warum. Sie sagt, es liegt an einem Trauma. Ich werde versuchen, mich hypnotisieren zu lassen, um meine Erinnerung zurückzuholen.
“
Doch niemand glaubt, dass sie einen Blackout hatte. Noch in der Klinik wird ihr mitgeteilt, dass der Fall nicht als normaler Unfall ermittelt wird, sondern als möglicher Doppelmord. McKenzie erkundigt sich daraufhin, ob man ihr nicht einfach den Führerschein für zehn Jahre entziehen könne, um es dann gut sein zu lassen. So einfach ist das nicht.
Die Polizei behält während ihrer Genesungszeit ihre Social-Media-Profile im Auge. Einige Posts wirken verdächtig, zum Beispiel ein Video, in dem sie schreibt: „Ich bin einfach eines dieser Mädchen, die eine Menge Drogen nehmen können, ohne zu sterben. “
Während ihrer Zeit im Krankenhaus ist McKenzie auf Social Media aktiv. Sie wird sogar von einer Modelagentur aus Los Angeles angeschrieben, die Interesse an einer Aufnahme in ihre Kartei bekundet.
Ihre Mutter stellt in einer Nachricht an die Agentur klar, dass der Crash ein tragischer Unfall war und ihre Tochter das Leben ihrer Freunde nicht absichtlich beendet habe. McKenzie beteuert dasselbe in SMS an die Familie von Devian und schickt Blumen. Das macht die Ermittler nicht weniger misstrauisch. Nach ihrer Entlassung geht die junge Frau viel feiern und lädt Fotos und Videos davon hoch.
Vor allem ihre Halloween-Postings werden ihr negativ ausgelegt. Drei Monate nach dem Crash ist McKenzie wieder auf einem Konzert, während sie noch im Rollstuhl sitzt – begleitet unter anderem von Cousins ihres verstorbenen Freundes. Die Polizei glaubt nicht, dass genug Zeit vergangen ist, um wieder feiern zu gehen. McKenzie war zum Zeitpunkt des Unfalls nicht nüchtern.
Auf der Hausparty bei Paul wurde Gras geraucht. Die Polizei findet bei ihr 7 Gramm des psychedelischen Pilzes Psilocybin. Ihre Werte sind aber nicht hoch genug, um eine erhebliche Beeinflussung nachzuweisen. Anscheinend ist es nicht das erste Mal, dass sie unter Drogeneinfluss oder unkonzentriert gefahren ist.
Auf ihren Profilen gibt es mehr als 100 Fotos und Videos, auf denen sie beim Autofahren raucht oder Selfies aufnimmt. Die Ermittler befragen Zeugen. Die Aussage ihres Ex-Freundes Tyler ist wichtig. Er sagt, McKenzie sei „nicht ganz da“ und glaubt, sie habe sich durch den vermeintlichen Unfall selbst das Leben nehmen wollen.
Die Familie von Dominic berichtet, die Beziehung sei im letzten halben Jahr alles andere als harmonisch gelaufen. Dominiks Mutter erzählt von Drohungen, Streitereien und Eifersucht. Besonders wertvoll sind die digitalen Spuren auf Dominiks Handy. Er hat mehrere Streitsituationen mit McKenzie aufgezeichnet.
Auf einem Video ist zu hören, wie sie ihn übel beleidigt. Bei einer Auseinandersetzung sagt sie, sie würde so lange vor dem Haus stehen bleiben, bis er sie wieder reinlässt, und würde sonst den Lack an seinem Auto zerkratzen. Ein paar Wochen vor seinem Tod soll Dominic seine Mutter aus dem Auto angerufen haben. Er saß auf dem Beifahrersitz, McKenzie am Steuer.
Laut seiner Mutter habe er gesagt, sie würde viel zu schnell fahren, ihn bedrohen und ihn nicht aus dem Auto lassen. Die Mutter will gehört haben, wie McKenzie im Hintergrund sagt: „Dominic, ich werde dieses Auto crashen. Ich schwöre, ich werde dieses Auto crashen. “ Die Mutter ruft einen Freund der Familie an, der ihren Sohn abholen soll.
Als er am Ort des Geschehens ankommt, will er gesehen haben, wie McKenzie Dominic im Auto schlägt. Danach sei Dominic sichtlich erleichtert ausgestiegen. Am 4. November 2022 wird McKenzie als mutmaßliche Doppelmörderin festgenommen.
Zuerst geht es vors Jugendgericht, denn zum Zeitpunkt des Unfalls war sie erst 17. Nach Jugendstrafrecht hätte sie maximal bis zu ihrem 21. Geburtstag haften müssen. Das halten die Anwälte der Opferfamilien für zu wenig.
In einer dreitägigen Verhandlung gelingt es, den Richter davon zu überzeugen, McKenzie als Erwachsene strafrechtlich zu verfolgen. Damit ist der Weg zu einem Doppelmordprozess geebnet. McKenzie behauptet weiterhin, sich an nichts erinnern zu können. Im August 2023 kommt es zum Prozess.
Angeklagt sind Mord, schwere Körperverletzung, schwere fahrlässige Tötung im Straßenverkehr und Drogenbesitz. Der Kfz-Gutachter Mark Sergeant analysiert die Daten des Fahrzeugs. Er ist sich sicher: Das Gaspedal war in den Sekunden vor dem Crash komplett durchgedrückt, ohne dass die Bremse auch nur ansatzweise betätigt wurde. Eine Minute vor dem Aufprall fuhr McKenzie noch vorbildlich um eine Kurve und entschleunigte.
Dann wurde das Gaspedal plötzlich voll durchgedrückt. Das Auto erreichte eine Geschwindigkeit von mehr als 160 km/h. Es gibt keine Anzeichen für einen mechanischen oder elektrischen Defekt. Der Experte sagt, er könne sich an keinen anderen Fall erinnern, bei dem während des gesamten Unfallvorgangs beschleunigt wurde, ohne einmal zu bremsen.
Die Verteidigung versucht einzuwenden, McKenzie habe flauschige Hausschuhe getragen, die zwischen Gaspedal und Fußmatte eingeklemmt gewesen sein könnten. Sergeant weist das zurück: Ein so leichter Schuh könne eine derart hohe Beschleunigung nicht auslösen. Die Daten rund um das Lenkrad können nicht eindeutig geklärt werden. Es wurde Sekunden vor dem Crash nach rechts gerissen.
McKenzies Anwälte sagen, sie habe den Aufprall noch verhindern wollen. Andererseits könnte auch Dominic ins Lenkrad gegriffen haben. Das lässt sich nicht klären. Die Staatsanwaltschaft argumentiert, McKenzie habe eine toxische Beziehung mit Dominic geführt und gewusst, dass er sie irgendwann endgültig beenden würde.
Also habe sie beschlossen, dass er sterben soll, wenn sie ihn schon nicht haben kann. Die Route, die McKenzie genommen hat, war nicht die kürzeste. Sie soll diese Route erst wenige Tage zuvor zum ersten Mal gefahren sein. Die Staatsanwaltschaft leitet daraus ab, dass sie die Route ausgekundschaftet und ihren Plan ausgecheckt habe.
Devian sei nicht geplant gewesen, aber sie habe seinen Tod billigend in Kauf genommen. Dass McKenzie nach dem Unfall nach Devian fragte, nicht aber nach Dominic, passt ins Bild: Dominics Tod war ihr Ziel. Die zuständige Richterin kommt zu diesem Schluss. McKenzie Sherilla erhält zweimal eine lebenslange Freiheitsstrafe – eine für den Mord an Dominic, eine für den Mord an Devian.
Die Haftstrafen sollen mindestens 15 Jahre laufen, werden aber parallel vollstreckt. Sie muss also nicht insgesamt mindestens 30 Jahre sitzen. McKenzies Eltern halten nach dem Urteil zu ihr. Für sie ist vollkommen fahrlässig, dass nur aufgrund der technischen Daten ein Mordurteil gefallen ist.
McKenzie und ihre Anwälte versuchen, das Urteil anzufechten – vergebens. Nach der Bestätigung wechselt McKenzie die Anwälte. Sie sitzt noch heute in Haft und versucht Wege zu finden, freizukommen. Alle Anträge wurden bisher abgelehnt.
Theoretisch hat sie nach 15 Jahren die Möglichkeit auf Bewährung, wenn sie sich im Gefängnis vorbildlich verhält. Sie ist heute erst Anfang 20 und hat noch die Chance, ihr Leben zu ändern – eine Chance, die Dominic und Devian nicht mehr haben. Dominiks Schwester hofft, dass McKenzie nicht schon nach 15 Jahren freikommt. Sie sagt: „Das Leben meines Bruders und das Leben von Devian wurden ihnen komplett gestohlen.
Sie kommen in 15 Jahren nicht zurück. Sie bekommen keine Chance, ein Leben zu führen. “ Sein Vater sieht es anders: Er wolle nicht, dass der Rest von McKenzies Leben ruiniert werde. Für ihn ist sie in erster Linie ein Kind, das dringend Hilfe und Betreuung braucht, nachdem es etwas unfassbar Schlimmes getan hat.
Die Eltern von Devian finden, dass sie beide Haftstrafen nicht parallel absitzen dürfe. Immerhin habe sie zwei Menschen getötet, dann solle sie auch zweimal mindestens 15 Jahre absitzen.


