Celle Gefängnisausbruch 1991: Die blutige Jagd auf die brutalsten Verbrecher Deutschlands
Es begann mit einem Schuss, der die Stille eines sonst so gewöhnlichen Oktobertages in Karlsruhe zerriss. Vier Männer, verurteilt wegen Mordes, Polizistenmordes und schwerer Raubüberfälle, hatten sich aus der Hochsicherheitsanstalt Celle befreit. Sie hatten drei Wärter mit selbstgebauten Schusswaffen überwältigt, ihnen Sprengstoffhalsbänder umgelegt und 2,4 Millionen D-Mark erpresst.

Nun waren sie auf der Flucht, und die Polizei war ihnen dicht auf den Fersen. Was folgte, war eine der spektakulärsten und gefährlichsten Menschenjagden in der deutschen Kriminalgeschichte.
Der 21. Oktober 1991 begann in der Justizvollzugsanstalt Celle wie jeder andere Tag. Die 350 Insassen der rund 300 Jahre alten Anstalt verließen ihre Zellen zur Frühstückszeit.
Doch für vier von ihnen war dies der Beginn eines teuflischen Plans. Bruno R. , ein mehrfach vorbestrafter Schwerverbrecher, der wegen bewaffneten Raubes und Entführung einsaß, hatte keine Perspektive mehr.
Ein neuer Prozess drohte ihn in Sicherungsverwahrung zu bringen. Er plante den Ausbruch.
Sein Zellennachbar, Dirk D. , ein 34-jähriger Polizistenmörder, war ebenfalls bereit, alles zu riskieren. Gemeinsam schmiedeten sie den Plan.
Sie brauchten Verbündete und fanden sie im Gefängnisfriseur Samie E. , einem verurteilten Mörder, und Ivan J. , der wegen Raubes einsaß.
Die beiden konnten sich innerhalb der Anlage frei bewegen. Die Kommunikation zwischen den Isolierten erfolgte durch Lücken im Holzzaun des Hofes. Hier übergaben sie selbstgebaute Waffen.
Dirk D. war der Bastler der Gruppe. Aus Alltagsgegenständen wie Tischbeinen, Gardinenbändern und Streichhölzern fertigte er funktionsfähige Schusswaffen.
Die Läufe wurden aus Metallrohren zusammengeklebt, der Treibsatz aus Phosphor von Streichhölzern gewonnen. Die Projektile waren Bleikugeln aus Gardinenbändern. Diese Waffen waren tödlich.
Am Morgen des 21. Oktober schlugen die beiden Gehilfen zu. Sie überwältigten einen Wärter im Treppenhaus, brachen in die Überwachungszentrale ein und nahmen drei Beamte als Geiseln.
Die Geiseln wurden mit Sprengstoffhalsbändern gefesselt. Diese waren mit einer Totschaltervorrichtung versehen: Ließ der Täter den Knopf los, explodierte die Bombe. Die Forderung war klar: Freilassung von Bruno R.
und Dirk D. Die Gefängnisleitung gab nach. Um 7:10 Uhr war das Quartett komplett.
Bruno R. übernahm das Kommando. Er forderte 2 Millionen D-Mark, ein Fluchtauto und freies Geleit.
Die Verhandlungen zogen sich über zwölf Stunden hin. Die Polizei stand unter enormem Druck. Die Täter waren skrupellos und hatten nichts zu verlieren.
Sie drohten, die Geiseln zu töten. Schließlich gaben die Behörden nach. Ein unauffälliger Gefangenentransporter wurde bereitgestellt.
Um 19:30 Uhr verließen die vier Täter mit zwei Geiseln das Gefängnis. Vor den Kameras winkte Bruno R. sogar aus dem Fenster.
Es war ein Triumph.
Die Flucht führte zunächst nach Süden. In Burgwedel bei Hannover ließen sie den ersten Geisel frei. Der zweite Geisel wurde später in der Nähe der tschechischen Grenze an einen Baum gefesselt zurückgelassen.
Die Täter waren nun zu viert und hatten 2,4 Millionen D-Mark dabei. Sie fuhren weiter, Richtung Osten, um eine falsche Fährte zu legen. In Leipzig besorgten sie sich täuschend echte Schreckschusswaffen und neue Kleidung.
Sie aßen sogar in einem Restaurant, ohne erkannt zu werden.
Dann schwenkten sie nach Westen ab. Ihr eigentliches Ziel war Frankreich. Doch in Karlsruhe machten sie einen fatalen Zwischenstopp.
Sie wollten einkaufen. Sie fuhren in ein Parkhaus in der Innenstadt. Ein aufmerksamer Zeuge erkannte sie und alarmierte die Polizei.
Die Beamten handelten sofort. Sie umstellten das Parkhaus. Bruno R.
und Samie E. wurden überrascht und widerstandslos festgenommen. Die Beute lag noch im Auto.
Dirk D. und Ivan J. waren in der Stadt unterwegs.
Sie bemerkten die plötzliche Polizeipräsenz. Sie wussten, dass sie entdeckt worden waren. Sie suchten einen Fluchtweg.
Sie betraten einen Gemüseladen in der Innenstadt. Der Inhaber, Rahman Saratsch, bediente gerade Kunden. Die beiden Täter zogen ihre Waffen.
Sie nahmen den 44-jährigen Saratsch als Geisel. Sie zwangen ihn, mit ihnen zu kommen.
Die Flucht ging weiter. Sie stahlen einen Golf, dann einen BMW. Sie rasten durch die Stadt.
Die Polizei war ihnen dicht auf den Fersen. Sie wechselten erneut das Fahrzeug. Diesmal stahlen sie einen Mercedes.
Der Besitzer, Peter Martin, ein Autohändler, wurde in den Kofferraum gesperrt. Er wusste sofort, wer seine Entführer waren. Er riss die Innenverkleidung ab und manipulierte die Bremslichter, um die Polizei zu warnen.
Die Verfolgung wurde immer hektischer. Die Polizei hatte Mühe, den Überblick zu behalten. Die Täter fuhren auf eine Tankstelle in Ettlingen.
Sie wollten tanken. Ein Streifenwagen folgte ihnen. Die Beamten waren nicht für diese Situation ausgebildet.
Es kam zu einem Schusswechsel. Dirk D. wurde tödlich getroffen.
Ivan J. kämpfte im Auto mit dem Geisel Saratsch. Ein Beamter der mobilen Einsatzgruppe feuerte durch die offene Tür und traf Ivan J.
ebenfalls tödlich.
Der Geisel Saratsch überlebte. Er rannte panisch davon, die Waffe noch in der Hand. Die Polizei nahm ihn zunächst fest, bis die Verwirrung geklärt war.
Peter Martin wurde aus dem Kofferraum befreit. Eine Kugel war nur Zentimeter an seinem Kopf vorbeigeflogen. Das 𝒹𝓇𝒶𝓂𝒶 war zu Ende.
Die beiden toten Täter wurden geborgen. Bruno R. und Samie E.
kamen zurück nach Celle.
Die politischen Folgen waren enorm. Ein Untersuchungsausschuss deckte schwere Versäumnisse auf. Die Polizeitaktik wurde grundlegend geändert.
Heute würde man nie mehr zulassen, dass Geiselnehmer mit Geiseln abziehen. Die Situation würde am Ort eingefroren und verhandelt. Bruno R.
starb ein Jahr später an Herzversagen. Samie E. und Ivan J.
wurden nach Verbüßung ihrer Strafen abgeschoben. Dirk D. blieb weitere 30 Jahre in Haft, bevor er 2021 entlassen wurde.
Für die Beamten war dieser Einsatz einer der prägendsten. Die Kombination aus Zufällen, Glück und dem beinahe tödlichen Ausgang blieb unvergessen. Es war eine Jagd, die an die Grenzen des Machbaren ging.
Die Bilder von Celle und Karlsruhe sind bis heute ein Mahnmal für die Gefahren, die von skrupellosen Verbrechern ausgehen. Die Frage, wie viel Glück die Polizei und die Geiseln an diesem Tag hatten, wird wohl für immer unbeantwortet bleiben.


