Die 18-jährige Kadettin Jenny Böken stürzte in der Nacht zum 4. September 2008 von der Gorch Fock in die Nordsee, doch ihr Vater Uwe Böken kämpft seit 18 Jahren unermüdlich für die Wahrheit und ist überzeugt, dass seine Tochter einem Verbrechen zum Opfer fiel. Die Staatsanwaltschaft Kiel schloss den Fall damals als tragischen Unglücksfall ab, doch der pensionierte Schulleiter aus Geilenkirchen hat zahlreiche Ungereimtheiten zusammengetragen, die er nicht akzeptieren kann.

Die Nacht begann wie jede andere auf dem Marineschulschiff, das 20 Kilometer nördlich von Norderney unterwegs war. Jenny hatte Wache am Bug und musste alle 30 Minuten Standardmeldung machen. Um 23:30 Uhr blieb diese Meldung aus, doch der Alarm ertönte erst um 23:43 Uhr.
Diese 13 Minuten sind für Uwe Böken der erste von vielen Widersprüchen, die er in den Ermittlungsakten findet.
Der Wachoffizier erklärte die Verzögerung damit, dass Jenny noch Schiffe gemeldet habe. Für den Vater klingt das absurd. Wenn eine Meldung ausbleibt, muss der Offizier sofort nachschauen, argumentiert er.
Die Logik dahinter sei nicht nachvollziehbar, und dies sei nur ein Beispiel für die vielen Ungereimtheiten, die sich durch den gesamten Fall ziehen.
Jennys Leiche wurde erst am 15. September 2008 von Fischereiaufsehern 120 Kilometer nordwestlich von Helgoland gefunden. Die Obduktion ergab kein Wasser in der Lunge, was für den Vater ein klares Indiz dafür ist, dass seine Tochter nicht im Wasser ertrunken sein kann.
Er fragt sich, wie jemand, der im Wasser nach Luft schnappt, gleichzeitig Schnürstiefel ausziehen und dann noch die Socken ordentlich hochziehen kann.
Die Staatsanwaltschaft Kiel hielt an ihrer Theorie fest, dass es sich um einen Unglücksfall handelte. Doch für Uwe Böken passt nichts zusammen. Er verweist auf eine E-Mail, in der Jenny ihren Eltern mitteilte, dass sie am folgenden Wochenende zu ihrem Gynäkologen müsse.
Diese Nachricht, kombiniert mit dem Fund benutzter Slips in ihrem Spind, nährt seinen Verdacht auf einen sexuellen Übergriff.
Der Vater hat eine Website erstellt, auf der er alle Punkte auflistet, die er für merkwürdig hält. Dazu gehört auch das Verschwinden von Jennys Parker, nachdem ihr Leichnam angeblich mit einer Jacke gefunden wurde, die nie in der Rechtsmedizin ankam. Zudem wurde ihre Kleidung angeblich verbrannt, weil sie stank, was für den Vater einer Vernichtung wichtiger Beweismittel gleichkommt.
Die Familie zog vor Gericht, um den Kapitän und den Schiffsarzt der Gorch Fock wegen fahrlässiger Tötung zu verklagen, doch das Oberlandesgericht Schleswig-Holstein lehnte die Klageerzwingungsanträge im Juni 2012 ab. Unbeirrt starteten die Bökens 2014 eine Entschädigungsklage, um die besondere Lebensgefahr des nächtlichen Wachdienstes anerkennen zu lassen.
Das Verwaltungsgericht Aachen wies auch diese Klage ab, obwohl es feststellte, dass der Wachdienst auf der Gorch Fock lebensgefährlich ist. Die besondere Lebensgefahr, die für eine Entschädigung notwendig gewesen wäre, wurde jedoch nicht anerkannt. Die Berufung der Familie blieb 2016 ebenfalls erfolglos.
Für Aufregung sorgte die Aussage einer ehemaligen Assistentin des Schiffsarztes, die behauptete, der Arzt habe von Jennys gesundheitlichen Problemen am Tag ihres Todes gewusst. Der Arzt bestritt dies vor Gericht, und die Familie wollte ihn wegen Totschlags verklagen. Doch die Staatsanwaltschaft ließ auch diese Anzeige nach einem Jahr fallen.
2018 meldete sich eine Zeugin, die behauptete, Jenny sei vergewaltigt und schwanger gewesen, dann an Bord erdrosselt worden. Die Staatsanwaltschaft Kiel überprüfte die Angaben, fand jedoch zahlreiche Widersprüche und schloss die Akte wieder. Für Uwe Böken war dies ein weiterer Schlag ins Gesicht.
Im Jahr 2025 gab es dann eine neue Entwicklung. Ein Mann meldete sich bei der Familie und behauptete, von einer damals an Bord befindlichen Person erfahren zu haben, dass Jenny getötet wurde. Der Vater schrieb dem Mann, doch das Schreiben kam mit dem Vermerk Empfänger verstorben zurück.
Als er trotzdem nach Frankfurt fuhr und vor der Wohnungstür stand, wurde er nicht eingelassen.
Uwe Böken gibt nicht auf. Er ist überzeugt, dass die Ermittlungen fehlerhaft und lückenhaft waren, dass wichtige Zeugen nicht oder nur unzureichend befragt wurden. Er vermutet, dass entscheidende Beteiligte befangen waren und dass die Marine Einfluss auf die Aussagen genommen hat.
Seine Kritik wird jedoch nicht gehört.
Der Vater hat eine klare Vorstellung davon, was in jener Nacht passiert sein könnte. Er glaubt an einen sexuellen Übergriff, der vertuscht wurde, oder an einen kameradschaftlichen Streich mit K. O.
-Tropfen, der tödlich endete. In beiden Fällen sei Jenny dann über Bord gegangen, um die Spuren zu verwischen.
Die Staatsanwaltschaft Kiel hält die Ermittlungen für abgeschlossen und verweist auf die fehlenden Anhaltspunkte für eine Straftat. Für Uwe Böken ist das keine Antwort. Er will einfach nur wissen, was in der Nacht vom 3.
auf den 4. September 2008 zwischen 23 und 24 Uhr an Bord der Gorch Fock passiert ist.
Sein Kampf um Gerechtigkeit für seine Tochter dauert nun schon 18 Jahre. Er hat keine Rachegelüste, wie er betont, sondern nur den Wunsch nach Klarheit. Die Fragezeichen in seinem Kopf sind geblieben, und mit jedem Jahr, das ins Land geht, wird es schwerer, Licht ins Dunkel zu bringen.
Die Familie Böken sucht weiterhin nach Antworten und ist dankbar für jeden seriösen Hinweis. Der Fall Jenny Böken bleibt ungelöst, und ihr Vater wird nicht aufhören, nach der Wahrheit zu suchen, bis er endlich weiß, was seiner Tochter in jener schicksalhaften Nacht widerfahren ist.


