Letzten Sonntag stand ich in der Küche meiner Mutter und hielt das alte Messer meiner Großmutter in der Hand, die Klinge stumpf von Jahren des Nichtgebrauchs. „Das kann man doch wegwerfen“, sagte…

Letzten Sonntag stand ich in der Küche meiner Mutter und hielt das alte Messer meiner Großmutter in der Hand, die Klinge stumpf von Jahren des Nichtgebrauchs. „Das kann man doch wegwerfen“, sagte...

Der Schleifstein kam jeden Sonntagabend aus der Küchenschublade. Meine Großmutter zog die Klinge in demselben langsamen Rhythmus darüber, den ihre Mutter ihr beigebracht hatte. Am Montagmorgen erledigte dieses eine Messer die Arbeit von fünf. Der Stein hatte nichts gekostet.

Thumbnail

Er hatte nichts ersetzt, er hatte alles haltbar gemacht. Dreißig Tricks wie dieser sind aus deutschen Küchen, Kellern und Gärten verschwunden – in gerade mal zwei Generationen. Manche haben hunderte Mark im Jahr gespart, ohne einen einzigen Gang zum Laden. Der wichtigste von allen ist der, an den sich fast niemand mehr erinnert.

Nummer 30: Geschenkpapier, Bindfaden und Schleifen aufheben und wieder verwenden. Nach jedem Geburtstag und jedem Weihnachtsfest wurde das Papier glatt gestrichen, sorgfältig gefaltet und in die Schublade gelegt. Bindfaden wurde zur Kugel gewickelt, die Schleifen kamen in die Dose. Am Küchentisch hat man das Papier mit dem Handrücken geglättet, manchmal sogar mit dem Bügeleisen darübergefahren.

In der Schublade lag nichts anderes als Schnur, Gummiringe und aufgesparte Bänder. Heute fallen in Deutschland pro Kopf jedes Jahr über 220 Kilogramm Verpackungsmüll an. Einen Großteil davon werfen wir unüberlegt weg. Damals hat nichts dieses Haus verlassen, das nur einmal gedient hatte.

Nummer 29: Alufolie waschen und wieder verwenden. Die Folie wurde nach dem Gebrauch abgespült, zum Trocknen über den Wasserhahn gehängt oder an die Wäscheleine geklemmt. Wie eine kleine silberne Fahne hing sie da, mit den Knicken von fünf vorherigen Einsätzen. Eine Rolle hat Monate gehalten.

Heute reißt man ein Stück ab und knüllt es zusammen, ohne nachzudenken. Die Folie wurde irgendwann so billig, dass sich das Wiederverwenden nicht mehr gelohnt hat. Nummer 28: Dosen, Gläser und Behälter für alles Mögliche aufheben. In der Kaffeedose waren die Nägel, im Marmeladenglas die Knöpfe.

In der Schokoladendose lag das Nähzeug. Niemand hat jemals etwas gekauft, um darin etwas aufzubewahren. Man hört noch das Klappern der Schrauben in der Blechdose, wenn man die Werkbank aufgeräumt hat. Auf dem Regal in der Speisekammer standen die geputzten Gläser in einer Reihe, jedes mit einem Zettel in Bleistift beschriftet.

Die Generation davor brauchte keine einzige Plastikbox vom Möbelhaus. Nummer 27: Regenwasser sammeln für den Garten. Unter dem Fallrohr stand ein Fass oder eine Zinkwanne. Alles Gießwasser kam vom Himmel, nie aus der Leitung.

Man hört das Trommeln des Regens auf dem Blech. Man sieht die grüne Patina an der Zinkwand. Man greift zum verbeulten Eimer, um Leitungswasser zu schöpfen – das galt als reine Geldverschwendung. In den Kleingartensiedlungen war die Regentonne die Regel.

In der DDR auf den Datschen ging es gar nicht anders. Irgendwann wurde das Leitungswasser so billig, dass die Tonnen verschwanden. Nummer 26: Kräuter aus dem Garten trocknen. Petersilie, Dill, Liebstöckel, Thymian und Salbei hingen in Bündeln von Deckenhaken in der Küche oder oben auf dem Dachboden.

Wenn sie durchgetrocknet waren, wurden sie zerrieben und in Gläser gefüllt, für den ganzen Winter. Der staubig grüne Geruch von trocknendem Liebstöckel im Flur, das Zerbröseln von Bohnenkraut zwischen den Fingern. Eine Bäuerin oder Kleingärtnerin hat nie getrocknete Kräuter im Laden gekauft. Was der Garten hergab, das reichte.

Heute kostet ein kleines Glas Petersilie zwei bis drei Euro im Supermarkt, und die Hälfte davon wird nicht einmal aufgebraucht. Fünf Punkte, und jeder einzelne davon hat nichts gekostet. Kein Werkzeug, keine Anleitung, keine Ausbildung, nur die Gewohnheit hinzusehen und zu erkennen, dass etwas noch brauchbar ist. Die Frage ist nicht, warum diese Generation alles aufgehoben hat.

Die Frage ist, wann der Rest von uns damit aufgehört hat. Nummer 25: Putzmittel aus Kernseife, Soda und Essig selbst herstellen. Man hat Kernseife in feine Flocken gerieben und in heißem Wasser aufgelöst. Ein Löffel Soda dazu.

Fertig. Das war der gesamte Putzschrank. Ein scharfer, sauberer Geruch stieg auf, wenn sich die Flocken im heißen Wasser lösten. Die körnige Paste kühlte in einem alten Glas ab.

Damit hat man den Holztisch geschruppt, den Boden gewischt und die Wäsche gewaschen. Ein Block Kernseife hat nur wenige Pfennige gekostet und alles sauber gemacht. Heute gibt ein deutscher Haushalt über hundert Euro im Jahr für Markenreiniger aus. Als das Wirtschaftswunder Persil, Meister Proper und Prill brachte, verschwand die Kernseife in der hintersten Ecke.

Nummer 24: Messer auf dem Schleifstein schärfen. Ein einziges gutes Messer, jede Woche am Stein gepflegt, hat eine ganze Schublade voller billiger Messer überflüssig gemacht. Das leise Schaben von Stahl auf nassem Stein, die vorsichtige Daumenprobe an der Schneide, das Gewicht einer Stahlklinge, die schon der eigenen Mutter gehört hatte. Ein ordentlich geschliffenes Messer war eine Frage der Ehre.

Man hat keine neuen Messer gekauft. Man hat die gepflegt, die man hatte. Ein Küchenmesser aus den Fünfzigerjahren, jede Woche geschärft, schneidet noch heute. Wenn ein billiges Messer stumpf wird, wirft man es weg und kauft für fünf Euro ein neues.

Nummer 23: Schuhe zu Hause reparieren. Neue Sohlen wurden mit Lederresten und Schusternägeln angebracht. Jeden Sonntag kam Schuhcreme zum Einsatz. Abgelaufene Absätze wurden mit Gummikappen aus dem Kurzwarenladen erneuert.

Der Geruch von Schuhcreme und Leder, der kleine Holzleisten, der unter der Treppe stand, das Klopfen der winzigen Nägel im Absatz. Kinderschuhe wanderten vom Ältesten zum Jüngsten. Frische Politur verdeckte den Verschleiß. Ein paar gute Schuhe waren eine Anschaffung.

Man kaufte einmal und reparierte jahrelang. Den Flickschuster gab es in jeder Straße. Heute sind Schuhreparaturläden fast ausgestorben. Schuhe aus Fernost kosten weniger als eine einzige Reparatur.

Nummer 22: Brennholz spalten und stapeln, um beim Heizen zu sparen. Wer mit Holz geheizt hat, der hat im Herbst seinen Vorrat selbst gespalten, über den Sommer getrocknet und im Winter verfeuert. Das Krachen der Axt durch Birke, das saubere Muster einer ordentlich gesetzten Holzmiete, der süße Geruch von trocknendem Buchenholz aus dem Kellerfenster, die Wärme eines Kachelofens, der noch Stunden nach dem letzten Nachlegen Hitze abgab. Im ländlichen Bayern, in der Eifel und im Schwarzwald war die Holzmiete neben dem Haus ein Zeichen.

Wer einen vollen Stapel hatte, der war bereit für den Winter. Das historische Leseholzrecht erlaubte es Familien, Totholz zu sammeln. Vollkommen abdecken konnte es den immensen Holzbedarf im Winter meist nicht. Dann kam die Zentralheizung.

Der Kachelofen wurde Dekoration. Die Axt sammelte Staub. Nummer 21: Den Kohleofen oder Holzofen richtig bewirtschaften. Abends die Glut so abdecken, dass der Ofen bis zum Morgen warm blieb, ohne neues Brennmaterial zu brauchen.

Wöchentlich das Ofenrohr putzen und die Aschelade leeren. Genau wissen, wie viel Kohle oder Holz wie viele Stunden Wärme ergibt. Morgens um sechs Uhr die Asche durch den Rost kratzen. Das Z eines frischen Briketts auf der abgedeckten Glut, das vorsichtige Einstellen der Klappe.

Heizen war der größte Posten im Haushalt. Der Unterschied zwischen einem gut geführten und einem schlecht geführten Ofen, das waren fünfzig Mark und mehr im Monat. Jede Hausfrau kannte ihren Ofen so gut wie ein Fahrer sein Auto. Dann kam der Thermostat: einmal drehen und vergessen.

Und das Wissen um das Feuer verschwand in einer Generation. Zehn Punkte. Und nicht einer davon hat Strom gebraucht, nicht einer eine Autofahrt, nicht einer ein Produkt, das dir jemand verkaufen musste. Das waren Fähigkeiten, die in den Händen lagen und am Küchentisch weitergegeben wurden.

Als das Wirtschaftswunder kam und plötzlich alles zu kaufen war, hat niemand bemerkt, dass gleichzeitig etwas anderes leise verloren ging. Die Fähigkeit, fast nichts zu brauchen. Nummer 20: Von Hand waschen mit Waschbrett und Kernseife. Bevor die Waschmaschine Ende der Fünfzigerjahre erschwinglich wurde, war Waschtag ein ganzer Arbeitstag.

Kochen im Kupferkessel, schrubben auf dem geriffelten Waschbrett, auswringen mit bloßen Händen, aufhängen an der Wäscheleine. Dampf füllte die Waschküche im Keller des Mietshauses, das rhythmische Scheuern auf dem Holzbrett, rote aufgesprungene Knöchel im Winter, der Geruch von gekochtem Leinen und Kernseife. Bettlaken hingen steif wie Bretter zwischen den Häusern im Hinterhof. Und trotzdem hat die Kleidung jahrelang gehalten, weil man sie mit Sorgfalt behandelt hat.

Um 1970 herum war die Waschküche nur noch Abstellkammer. Nummer 19: Kleidung von Kind zu Kind weitertragen. Das älteste Kind trug die neuen Sachen. Das zweite Kind bekam sie danach.

Das dritte Kind danach. Bis ein Kleidungsstück beim Jüngsten ankam, war es mehrfach geflickt und umgenäht worden. Die etwas zu langen Ärmel wurden beim Jüngeren umgeschlagen. Das geflickte Knie konnte jeder sehen, aber niemand erwähnte es.

Das Sonntagskleid hatte drei Schwestern über sechs Jahre hinweg gepasst. So hat man das halt gemacht. Ein Kindermantel aus dem Kaufhaus oder aus dem Katalog von Quelle war darauf ausgelegt, lange zu halten, weil jeder wusste, dass er von mehr als einem Kind getragen werden würde. Irgendwann wurde Kinderkleidung so billig, dass Neukaufen weniger kostete als Flicken.

Auftragen wurde zum Zeichen von Armut, statt zum Zeichen von gesundem Verstand. Nummer 18: Sichtbare Kleidung flicken und ausbessern. Zerrissene Hosen bekamen einen Flicken. Durchgescheuerte Ellbogen wurden verstärkt.

Eine geschickte Hausfrau setzte Flicken, die so gut saßen, dass man zweimal hinsehen musste. Der Nähkorb neben dem Sessel am Abend, das leise Schnappen der Schere durch den Stoff, das sorgfältige Nähen bei Lampenlicht, Lederflicken auf Cordellbogen, zu Hause gemacht, nicht beim Schneider. Flicken war Haushaltswirtschaft. Der Nähkorb war so selbstverständlich wie die Küchenuhr.

Dann sind die Kleiderpreise so tief gefallen, dass sich das Flicken rein rechnerisch nicht mehr gelohnt hat. Der Nähkorb wanderte auf den Dachboden. Nummer 17: Socken stopfen mit dem Stopfpilz. Ein Holzpilz, glatt poliert von Jahrzehnten der Benutzung, wurde in die Socke geschoben.

Das Loch wurde mit einem Kreuzgitter aus Faden zugewebt. Der Stoffpilz lag perfekt in der Hand. Geduldig wurde über das Loch gewebt, Reihe für Reihe. Das saubere Gitter auf der Innenseite der Ferse.

Jedes Mädchen hat das gelernt. Es gehörte zu den ersten Dingen, die eine Mutter ihrer Tochter beigebracht hat. Ein Paar Socken war nichts zum Wegwerfen. Es war etwas, das man gepflegt hat.

Heute gibt es Socken im Zehnerpack für fünf Euro. Beim ersten Loch landen sie im Müll. Nummer 16: Stühle und Sofas zu Hause neu beziehen. Wenn der Stoff durchgescheuert war, hat man den alten Bezug abgenommen, mit Rosshaar oder Watte neu ausgestopft und frischen Stoff darüber gezogen.

Küchenstühle, Hocker, manchmal sogar Sessel. Das Ploppen der alten Polsternägel, die man mit der Zange herauszog, die Staubwolke aus dem alten Rosshaar, das Spannen und Ziehen des neuen Stoffes über den Rahmen. Möbel waren gebaut, um repariert zu werden. Ein guter Stuhl aus den Fünfzigerjahren wurde zwei oder dreimal im Leben neu bezogen.

Dann kamen die Möbel zum Selbstaufbauen. Ein neuer Stuhl vom Discounter kostet weniger als der Stoff, um einen alten neu zu beziehen. Als Möbel zur Wegwerfware wurden, wurde das Können überflüssig. Nummer 15: Flickendecken aus Stoffresten nähen.

Jeder Fetzen, der beim Nähen, Flicken oder Auftragen übrig blieb, wurde aufgehoben. Daraus entstanden Decken, Kissen und Bezüge. Die Stoffreste lagen in einer Dose, sortiert nach Farbe und Größe. An Winterabenden wurden Quadrate und Dreiecke zusammengenäht, eine fertige Flickendecke über dem Kinderbett.

Jedes Stück stammte von einem ehemaligen Kleidungsstück. Jedes war ein Stück Erinnerung. Ein Kragen von einer verschlissenen Bluse, eine Tasche von einer Hose, die endgültig ausgedient hatte. Die Flickendecke war die Biografie eines Haushalts, in Stoff erzählt.

Dann kamen billige Bettwaren aus dem Versandkatalog von Quelle und Neckermann, und die handgemachten Decken landeten auf dem Dachboden. Alles in diesem Abschnitt handelte davon, Dinge länger haltbar zu machen, als sie eigentlich gedacht waren. Es gibt ein Wort dafür, das diese Generation nie gebraucht hat, weil es einfach der Alltag war: Werterhaltung. Heute ist das ein Begriff aus der Immobilienwirtschaft.

Für deine Großmutter war es das, was sie jeden Abend getan hat. Mit einer Nadel, einem Stopfpilz und einem Stück Stoff. Nummer 14: Gemüse anbauen im Schrebergarten. Millionen deutscher Familien haben sich teilweise oder ganz aus einem Kleingartenstück ernährt.

Kartoffeln, Bohnen, Möhren, Zwiebeln, Kohl, Tomaten und Kräuter. Der Schrebergarten war kein Freizeitvergnügen. Er war Lebensmittelproduktion. Der Geruch von frisch umgegrabener Erde im April.

Reihen von Stangenbohnen an Schnurgerüsten. Das Gewicht eines Eimers voll frisch ausgegrabener Kartoffeln. In den Nachkriegsjahren und weit in die Sechzigerjahre hinein hat der Kleingarten Familien satt gemacht. In der DDR hat die Datsche denselben Zweck erfüllt, oft als einzige zuverlässige Quelle für frisches Obst und Gemüse.

Über eine Million Schrebergärten gibt es noch, aber die meisten dienen der Erholung, nicht dem Überleben. Nummer 13: Alles Organische kompostieren. Ein Komposthaufen in der Gartenecke. Küchenabfälle, Eierschalen, Kaffeesatz, Gemüseschalen und Gartenreste.

Nach einem Jahr hatte man feine, satte Erde für die nächste Pflanzsaison. Der Dampf, der an einem kalten Morgen von einem gut umgesetzten Kompost aufstieg. Der dunkle, krümelige Humus, den man im Frühling unten aus dem Haufen schaufelte. Dünger kostete Geld, Kompost war umsonst.

Der Kreislauf war geschlossen. Küchenreste wurden zu Erde. Erde ließ Gemüse wachsen, und Gemüsereste kamen zurück. Die Biotonne hat den Kompost teilweise ersetzt, aber den geschlossenen Kreislauf vom Garten zur Küche und zurück, den gibt es kaum noch.

Nummer 12: Wurzelgemüse und Äpfel lagern im Erdkeller. Ein kühler, dunkler Keller oder eine Erdgrube. Dort wurden Kartoffeln, Möhren, Rote Bete, Steckrüben und Äpfel für den ganzen Winter eingelagert. Sand zwischen den Schichten verhinderte, dass sich die Vorräte berührten.

Äpfel wurden einzeln in Zeitungspapier eingewickelt. Die kalte, erdige Luft, wenn die Kellertür aufging, Holzkisten mit Sand dazwischen, das Papierrascheln der eingewickelten Äpfel. Der Erdkeller war der Kühlschrank, bevor es Kühlschränke gab. Ein gut gefüllter Keller im Oktober bedeutete, dass eine Familie bis März davon essen konnte, ohne frische Ware zu kaufen.

In ländlichen Gegenden Frankens und der Pfalz sowie in der gesamten DDR war der Keller so wichtig wie die Küche. Elektrische Kühlung, ganzjähriges Frischgemüse und neue Häuser ohne Erdkeller verdrängten diese Tradition. Und das Wissen, welche Apfelsorte lagerfähig ist und welche nicht, geht gerade verloren. Nummer 11: Schmalz aus Bratenfett auslassen.

Nach dem Gänsebraten, dem Entenbraten oder dem Schweinebraten wurde das Bratfett durch ein Tuch gesiebt und in Steinguttöpfe oder Gläser gefüllt. Das goldene Fett wurde durch ein Leinentuch in den kühlen Topf gegossen. Der Geruch von Gänseschmalz, in das Apfelstücke und Zwiebelstücke eingerührt wurden. Dickes Brot, bestrichen mit einer Schicht Schmalz und bestreut mit Salz.

Der Steinguttopf in der Speisekammer, immer griffbereit. Schmalz war umsonst. Es kam aus dem Braten, den man sowieso gemacht hatte. Es ersetzte Butter und Öl, die beide Geld kosteten.

Eine einzige Gans ergab genug Fett für Wochen. Schmalzbrot war ein Grundnahrungsmittel der Arbeiterklasse quer durch ganz Deutschland. Dann kamen die Gesundheitskampagnen gegen tierisches Fett. Pflanzenöl wurde zur Norm.

Schmalz galt plötzlich als ungesund und altmodisch. Nummer 10: Knochenbrühe kochen aus Küchenresten. Knochen vom Braten, Hühnerkarkassen, Gemüseenden und Schalen stundenlang auf kleiner Flamme ausgekocht. Das langsame Blubbern des Suppentopfs auf der hinteren Herdplatte den ganzen Sonntag lang.

Knochen, Möhrengrün, Sellerieblätter, eine Zwiebelschale. Die Küchenfenster beschlagen vom Dampf. Eine goldene Flüssigkeit durch ein Sieb in Gläser geschöpft. Aus dem Sonntagsbraten wurde die Montagssuppe.

Aus der Suppe die Soße am Dienstag. Ein einziges Huhn hat eine Familie dreimal ernährt über eine ganze Woche. Die Brühe hat nichts gekostet, außer der Hitze zum Köcheln. Dann kamen die Brühwürfel von Maggi und Knorr.

Schneller war besser, und das lange Köcheln verschwand aus dem Wochenrhythmus. Nummer 9: Ein paar Hühner für die Eier halten. Selbst in kleinen Stadtgärten und Kleingartensiedlungen haben drei bis fünf Hennen einen Haushalt das ganze Jahr über mit frischen Eiern versorgt. Gefüttert wurden sie mit Küchenresten und Gartenabfällen, fast ohne Kosten.

Der morgendliche Gang zum Hühnerstall, das warme Ei aus dem Stroh gehoben, das Gackern im Hinterhof. Ein Ei pro Huhn am Tag, kostenlos. In der DDR waren Datschehühner ein notwendiger Zusatz zu dem, was der Konsumladen bieten konnte. In der Bundesrepublik blieben Hinterhofhühner in ländlichen Gegenden bis weit in die Siebzigerjahre verbreitet.

Dann wurden Supermarkteier billig, Hygienevorschriften wurden strenger, und kommunale Verordnungen machten die Hühnerhaltung im Garten unpraktisch. Jeder Punkt in diesem Abschnitt handelt von Essen, und unter jedem liegt dasselbe Prinzip. Man ging nicht in den Laden für das, was man zu Hause herstellen, lagern oder strecken konnte. Die Speisekammer, der Erdkeller, der Garten, der Hühnerstall, der Suppentopf auf dem Herd.

Zusammen haben sie ein System gebildet. Kein einzelnes Teil hat ein Vermögen gespart, aber das System als Ganzes hat bedeutet, dass eine Familie mit erstaunlich wenig gut leben konnte. Der Supermarkt hat nicht nur die einzelnen Teile ersetzt, er hat das System zerlegt. Nummer 8: Brot zu Hause backen.

Einmal in der Woche ein Laib aus dem eigenen Ofen oder auf dem Land im Backhaus, das mehrere Familien gemeinsam genutzt haben. Roggenbrot, Mischbrot, Sauerteigbrot. Ein Backtag pro Woche, genug für sieben Tage. Der säuerliche Geruch des Sauerteigansatzes, der in einem Steinguttopf am Leben gehalten und wöchentlich gefüttert wurde.

Mehlstaub auf dem Küchentisch. Der schwere, dichte Laib wird aus dem Ofen gezogen. Das Knacken der Kruste beim Abkühlen. Brot war das Fundament.

Eine Familie, die ihr eigenes Brot gebacken hat, hat jeden Monat deutlich gespart. In ländlichen Gegenden Frankens, Westfalens und der Eifel war das gemeinsame Backhaus noch in den Sechzigerjahren in Betrieb. Der Sauerteig war oft älter als die Frau, die damit gebacken hat. Von Mutter zu Tochter weitergegeben wie ein Erbe.

Dann kamen die Großbäckereien und das Supermarktbrot. Das Backhaus wurde geschlossen. Heute backen weniger als fünf von hundert deutschen Haushalten regelmäßig ihr eigenes Brot. Nummer 7: Marmelade kochen aus Gartenobst.

Erdbeeren, Kirschen, Pflaumen, Johannisbeeren und was der Garten oder eine großzügige Nachbarin sonst hergegeben hat. Mit Zucker im großen Topf eingekocht, in sterilisierte Gläser gefüllt, verschlossen mit Zellophan oder Wachs. Die Küchenfenster beschlagen von der Feuchtigkeit. Der süße, schwere Geruch von kochendem Obst, die Reihen von Gläsern, die auf dem Küchentisch abkühlten, die Deckel, die einer nach dem anderen leise knackten, als sich das Vakuum gebildet hat.

Marmelade war Zahlungsmittel. Gläser wurden verschenkt, unter Nachbarn getauscht, an Verwandte geschickt. Ein Haushalt mit einem Pflaumenbaum und genügend Zucker brauchte das ganze Jahr nichts vom Laden fürs Frühstück. Dann wurde Supermarktmarmelade billig und vielfältig.

Der Aufwand schien nicht mehr zu rechtfertigen, wenn ein Glas unter zwei Euro kostete. Nummer 6: Sauerkraut vergären und Gemüse einlegen. Im Herbst wurde der Weißkohl auf dem Krauthobel in feine Streifen geschnitten, gesalzen und in einen Steinguttopf gestampft. Ein Stein als Gewicht oben drauf.

Wochen stehen lassen zum Gären. Gurken, Rote Bete und grüne Bohnen kamen in Essiglake. Das rhythmische Schlagen des Krauthobels beim Schneiden. Salz, das mit der Hand eingemischt wurde.

Wochen später der scharfe, saure Geruch, wenn der Deckel abkam. Gläser mit eingelegten Gurken, Roter Bete und grünen Bohnen aufgereiht in der Vorratskammer. Sauerkraut war das Wintergemüse. Billig herzustellen, reich an Vitaminen, monatelang haltbar im kühlen Keller.

Jeden Herbst hat man quer durch Deutschland einen ganzen Tag Sauerkraut gemacht. Der Gärtopf war so selbstverständlich wie der Küchentisch. Dann gab es Sauerkraut aus der Dose für Pfennige, und der Gärtopf wanderte auf den Dachboden. Nummer 5: Jede letzte Brotkrume verwerten.

Altes Brot war nie Abfall. Es wurde zur Brotsuppe, zu Semmelknödeln, Armen Rittern, Paniermehl oder Brotpudding. In der DDR wurde Brot eingeweicht und unter die Frikadellenmasse gemischt, um das Fleisch zu strecken. Hartes Brot wurde in warmer Milch eingeweicht, in Scheiben geschnitten und in Schmalz gebraten.

Mit einer Prise Zucker wurde daraus Armer Ritter. Es wurde zerbröselt und auf dem Blech getrocknet, dann als Paniermehl im Glas aufbewahrt. Brot war im Nachkriegsdeutschland heilig. Es wegzuwerfen war ein moralisches Vergehen.

Jede Hausfrau kannte mindestens drei Rezepte für Brot, das hart geworden war. Der Satz „Brot schmeißt man nicht weg“ war kein Vorschlag. Er war ein Gesetz im Haushalt. Dann kam das Schnittbrot in der Plastikverpackung.

In Deutschland werden heute rund 700. 000 Tonnen Brot im Jahr weggeworfen. Nummer 4: Seife aus altem Bratfett. Haushaltsseife, hergestellt aus übrig gebliebenem Kochfett, Lauge und manchmal Kräutern oder Sand zum Schrubben.

Zu Hause gemacht oder beim Seifensieder in der Nachbarschaft. Das genaue Abmessen von Lauge und Fett, das langsame Rühren im großen Topf, die gegossene Seife, die in Holzformen abkühlte, das Schneiden in Stücke mit einem Draht, der scharfe, saubere Geruch der Seife, die auf einem Gestell nachhärtete. In der Nachkriegszeit, als Fabrikseife rationiert oder nicht zu bekommen war, hat Seifensieden die Haushalte sauber gehalten. Selbst als die Rationierung vorbei war, haben viele Familien weitergemacht, weil es so gut wie nichts gekostet hat.

Am längsten hat sich das Wissen auf dem Land in Niedersachsen und Schleswig-Holstein gehalten und in der DDR, wo Westmarken nicht zu haben waren. Dann wurden Fabrikseife und Waschmittel für jeden erschwinglich, und selbstgemachte Seife wurde zum Bastelprojekt statt zur Notwendigkeit. Nummer 3: Die Vorratskammer als Kommandozentrale des Haushalts. Jeder Haushalt hatte eine Vorratskammer oder Speisekammer.

Ein kühler, dunkler Raum, oft nach Norden gelegen, gefüllt mit Eingemachtem, Trockenware und Haushaltsvorräten. Die kühle Luft, wenn die Tür aufging, der Geruch nach getrockneten Kräutern, Eingemachtem und Mehl, Reihen von Weckgläsern mit sorgfältiger Handschrift beschriftet, Säcke mit Kartoffeln und Mehl auf dem Boden, Schmalz- und Zuckerdosen auf den oberen Regalen, alles an seinem Platz. Die Vorratskammer war der Beweis, dass ein Haushalt ordentlich geführt wurde. Eine Hausfrau, die eine volle, aufgeräumte Vorratskammer hatte, wurde respektiert.

Es war eine Absicherung gegen schlechte Zeiten, steigende Preise und magere Ernten. Es bedeutete, dass man seine Familie wochenlang ernähren konnte, ohne das Haus zu verlassen. Dann kam der Kühlschrank und ersetzte den kühlen Raum. Neue Wohnungen wurden ohne Speisekammer gebaut.

Die Vorratshaltung verschwand aus dem Alltag und mit ihr die Planung, die Disziplin und der stille Stolz, der dazu gehörte. Die Vorratskammer war nicht nur ein Raum, sie war eine Haltung. Sie sagte: Wir sind auf niemanden angewiesen, außer auf uns selbst. Wir planen voraus, wir verschwenden nichts.

Wir sind bereit. Als die Speisekammer aus den deutschen Häusern verschwand, ging nicht nur ein Raum verloren, es ging die Vorstellung verloren, dass ein Haushalt sich selbst versorgen kann. Und als diese Vorstellung einmal weg war, folgte alles andere auf dieser Liste. Nummer 2: Reste kochen.

Die Kunst, aus übrig Gebliebenem eine Mahlzeit zu machen. Nichts hat die Küche als Abfall verlassen. Aus dem Sonntagsbraten wurde am Montag Aufschnitt. Aus den Gemüseresten eine Suppe.

Aus dem letzten Löffel von irgendetwas der Anfang der nächsten Mahlzeit. Der Eisentopf auf dem Herd mit dem Gemüse von gestern, einer Handvoll Graupen, einem Knochen vom Braten und Wasser. Aufgewärmtes, das am zweiten Tag besser geschmeckt hat. Die Hausfrau am Herd, Blick in die Speisekammer gerichtet, um zu entscheiden, was verbraucht werden muss, bevor es verdirbt.

Reste kochen war kein Essen für arme Leute. Es war Klugheit. Es war der tägliche Beweis, dass eine Frau eine Familie mit fast nichts ernähren konnte und dass es trotzdem geschmeckt hat. Die besten Köchinnen in Deutschland waren nicht die mit den feinsten Zutaten.

Es waren die, die aus dem, was übrig war, noch eine Mahlzeit gezaubert haben. Dann kam der Überfluss. Wenn der Kühlschrank immer voll ist und der Supermarkt immer offen, werden Reste beliebig. In Deutschland landen heute rund 75 Kilogramm Lebensmittel pro Person und Jahr im Müll.

Die Hausfrau, die aus einem einzigen Huhn drei Mahlzeiten gemacht hat, hätte nicht begriffen, wie das möglich ist. Nummer 1: Einkochen. Einmachen mit dem Einkochtopf und den Weckgläsern. Das war der höchste Ausdruck der Selbstversorgung im Haushalt.

Obst, Gemüse, Fleisch und Soßen, verschlossen in Gläsern im kochenden Wasserbad. Ein einziges Einkochwochenende im Herbst konnte eine Speisekammer für den ganzen Winter füllen. Der große Emailletopf auf dem Herd. Die Gläser, die leise im kochenden Wasser klapperten, die Gummiringe, die in einer Schüssel daneben einweichten, das Zischen des Dampfes, das vorsichtige Herausheben der heißen Gläser mit einem Tuch, die versiegelten Weckgläser, die auf einem Tuch abkühlten, die Glasdeckel, festgehalten von Messingklammern, das befriedigende Klicken, wenn das Vakuum gegriffen hatte.

Pflaumen, Birnen, Bohnen, Rotkohl, Gulasch. Die Speisekammer hatte sich an einem ganzen Septemberwochenende Glas für Glas gefüllt. Einkochen war alles, worauf diese Liste hingearbeitet hatte. Es war der Ort, an dem Garten, Küche, Keller und Wissen zusammengekommen waren.

Eine Frau, die einkochen konnte, konnte ihre Familie durch jeden Winter bringen, durch jeden Mangel, durch jede Krise. Sie war auf niemanden angewiesen. Das Weckglas, patentiert im Jahr 1892 von Johann Carl Weck und Johann Baptist Drempelt in Öflingen, revolutionierte die Konservierung im zwanzigsten Jahrhundert. In den Sechzigerjahren stand in fast jeder deutschen Küche ein Einkochtopf, daneben ein Regal voller Weckgläser.

Um die Zweitausender herum hatten die meisten Küchen weder das eine noch das andere. Die Fertigkeit, die deutsche Haushalte durch zwei Kriege getragen hatte, durch einen Währungskollaps, durch Besatzung, Teilung und Wiedervereinigung, wurde einfach nicht mehr weitergegeben. Nicht weil sie versagt hätte, sondern weil der Überfluss sie überflüssig erscheinen ließ. Und jetzt ist sie fast verschwunden.

Alles auf dieser Liste war einmal gewöhnlich, nicht bemerkenswert. Keine Bewegung, keine Philosophie, einfach so, wie man es gemacht hat. Und die Frauen, die das getan haben, haben nichts davon aufgeschrieben, weil sie davon ausgegangen sind, dass ihre Töchter neben ihnen in der Küche stehen und es genauso lernen würden, wie sie es selbst gelernt hatten.

Das war das einzige, worin sie sich geirrt haben.