Es war ein Schlag, der durch sämtliche Schlagzeilen ging: Jeffrey Epstein, der Mann, der jahrelang ein Netz aus Missbrauch, Geld und Macht gesponnen hatte, war verhaftet worden. Doch während sich die Welt auf ihn stürzte, stellte sich eine andere, fast schon unbequemere Frage: Wo war Ghislaine Maxwell? Die Frau, die einst als seine engste Vertraute galt, seine vermeintliche Seelenverwandte, seine Komplizin in den dunkelsten Stunden. Sie war verschwunden.

Schon Jahre vor Epsteins Festnahme war es still um sie geworden. Das schicke Stadthaus in New York City hatte sie verkauft, ihre Stiftung zur Rettung der Weltmeere, einst ihr Aushängeschild in der High Society, lag auf Eis. Sie tauchte zwar noch gelegentlich auf Veranstaltungen auf, aber ihre Auftritte wurden seltener, ihre Präsenz schrumpfte auf ein Minimum. Es wirkte, als würde sie sich in Luft auflösen, lange bevor die Behörden überhaupt nach ihr suchten.
Nach Epsteins Verhaftung am 6. Juli 2019 wurde sie dann endgültig unauffindbar. Das war kein Zufall. Die Vorwürfe gegen sie waren nicht neu gewesen.
Schon 2016 hatte sich Virginia Giuffre, eine der mutigsten Klägerinnen gegen Epstein, in einem Rechtsstreit mit Maxwell befunden. Es war eine Auseinandersetzung, die hinter verschlossenen Türen beigelegt wurde, aber sie offenbarte etwas Entscheidendes: Maxwell war nicht nur eine naive Begleiterin, sondern eine zentrale Figur in Epsteins Universum. Sie war diejenige, die die Fäden in der Hand hielt, die Türen öffnete, die Vertrauen schuf. Und sie hätte wissen müssen, was hinter diesen Türen geschah.
Maxwell hatte sich zwar schon früh öffentlich von Epstein distanziert, ihr letzter offizieller Auftritt mit ihm lag sogar Jahre zurück. Doch die Realität sah anders aus. Anwälte von Betroffenen berichteten, dass Epstein noch immer Maxwells Rechtsbeistand bezahlte, als Frauen versuchten, gegen sie vorzugehen. Die Verbindung war nie wirklich gekappt, sie war nur unter die Oberfläche getaucht.
Als die erste Ermittlungswelle gegen Epstein in den 2010er Jahren anrollte, begriff Maxwell, dass ihr eine Lawine drohte. Sie begann, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen, aber nicht nur das. Sie bereitete ihren Rückzug vor mit einer Präzision, die auf Jahre im Voraus geplant wirkte. Zwischen 2017 und 2020 unternahm sie allein fünfzehn internationale Flüge.
Ihre Reiseziele lasen sich wie eine Fluchtroute: Japan, Katar, ihre britische Heimat. Dazu kamen unzählige Inlandsflüge, die in keiner offiziellen Auflistung auftauchten. Sie wechselte mindestens zweimal ihren Wohnsitz, änderte ihre Handynummer, ihre E-Mail-Adressen. Wenn sie online einkaufte, dann unter einem anderen Namen.
Sie löschte ihre Spuren, bevor irgendjemand begonnen hatte, sie zu suchen. Auch ihre Finanzen waren ein Meisterwerk der Verschleierung. Ab 2016 tauchten mindestens fünfzehn verschiedene Bankkonten auf, die sich später, nach aufwendigen Ermittlungen, direkt oder auf Umwegen ihr zuordnen ließen. Die Konten waren gut gefüllt, sehr gut sogar.
Auf dem kleinsten lagen ein paar hunderttausend Dollar, auf einem der größten mehr als zwanzig Millionen. Sechsstellige Summen wurden regelmäßig zwischen diesen Konten hin- und hergeschoben, als würde sie ein unsichtbares Puzzle zusammenbauen. Nach ihrem Rückzug aus New York tauchte Maxwell in Manchester-by-the-Sea auf, einem beschaulichen Ort in der Nähe von Boston. Dort lebte ihr neuer Ehemann, Scott Borgerson, den sie 2016 geheiratet hatte.
In einer Villa führten sie ein scheinbar ruhiges Leben, weit weg von dem Trubel, der sie einst umgeben hatte. Doch ganz konnte sie ihre alte Welt nicht loslassen. Einen Monat vor Epsteins Festnahme, im Juni 2019, fühlte sie sich offenbar noch sicher genug für eine Reise in ihre englische Heimat. Sie traf sich mit ihrem alten Freund Prinz Andrew im Buckingham Palace, ein Treffen, das später für erheblichen Wirbel sorgen sollte.
Und sie nahm an einer Rallye namens „Cash and Rocket“ teil, einem schillernden Event, bei dem sie gemeinsam mit achtzig mehr oder weniger prominenten Frauen in Rennautos durch die englische Landschaft raste. Es sollte ihr letzter öffentlicher Auftritt werden. Kaum war Epstein verhaftet, drängten immer mehr Menschen darauf, auch Maxwell unter die Lupe zu nehmen. Und als die Behörden zögerten, wurde die Presse aktiv.
Ein Team der Daily Mail reiste bis nach Manchester-by-the-Sea, nachdem ein Hinweis eingegangen war, dass Maxwell sich dort aufhalten könnte. Die Fotografen bekamen sie nicht vor die Linse, aber dafür ihre Schwester Christine und ihren Ehemann Scott Borgerson beim Spaziergang mit einem Hund, der verdächtig nach dem aussah, den Maxwell zuvor stolz herumgeführt hatte. Borgerson dementierte gegenüber der Presse, zu wissen, wo seine Frau steckte. Es wirkte nicht überzeugend.
Man geht heute davon aus, dass sich Maxwell von Epsteins Festnahme an an verschiedenen Orten in New England aufhielt. Sie tat alles, um unentdeckt zu bleiben. Bis zum 12. August 2019, zwei Tage nach dem Tod von Jeffrey Epstein.
Es gibt ein Sprichwort: „Hiding in plain sight“ – sich genau dort verstecken, wo jeder einen sehen kann. In einem Moment, in dem die Medienaufmerksamkeit kaum größer sein konnte, schien genau das Ghislaine Maxwells Plan zu sein. Zumindest wenn man den Fotos glauben wollte, die in den Tagen darauf durch die Presse gingen. Am 12.
August 2019 wurde Ghislaine Maxwell in einer Filiale eines Burgerrestaurants fotografiert. Auf den Bildern sah man sie mitten im Außenbereich sitzen, ein Buch vor sich aufgeschlagen, ohne jegliche Anstalten, sich zu verstecken. Zumindest wirkte es so. Doch schon kurz nachdem die Fotos an die Presse gelangten, wurden berechtigte Zweifel laut.
Im Hintergrund war an einer Bushaltestelle ein Poster für den Film „Good Boys“ zu sehen – ein Poster, das laut Aufzeichnungen der zuständigen Werbefirma dort nie angebracht worden war. In den Artikeln hieß es, Maxwell sei allein beim Essen gewesen, doch auf dem Tisch standen zwei Becher. Und die Metadaten eines der Fotos, das auf der Website der New York Post hochgeladen wurde, deuteten darauf hin, dass das Bild ausgerechnet von einem Anwalt aus dem Raum Los Angeles bereitgestellt worden war, der mit Maxwell befreundet war. Zufällig besaß dieser Anwalt einen Hund, der genauso aussah wie der auf einem der Schnappschüsse.
Die Bilder wirkten zu sauber, zu perfekt inszeniert. Und tatsächlich verschwand Maxwell nach dem Rummel um die vermeintlichen Burger-Fotos wieder komplett von der Bildfläche. Es gab Gerüchte, sie sei an der Südküste Brasiliens oder in London, aber einen konkreten Anhaltspunkt gab es nicht. Selbst ihre Anwälte behaupteten, nicht zu wissen, wo sie steckte.
Sie hätten nur E-Mail-Kontakt zu ihrer Mandantin. Es dauerte gut ein weiteres Jahr, bis man Ghislaine Maxwell finden würde. Die Behörden arbeiteten im Hintergrund fieberhaft daran. Ihr Plan war, Maxwell über ihre Mobilfunkdaten zu orten.
Da dies über Staatsgrenzen innerhalb der USA hinweg geschehen musste, waren einige Umwege nötig. Zuerst erwirkten Behörden in New York einen Beschluss, um GPS-Daten und historische Mobilfunkstanddaten für Maxwells Mobilfunkanschluss zu bekommen. So fanden sie heraus, dass sie sich irgendwo in New Hampshire aufhalten musste. Nur wo genau, blieb lange unklar.
Also wurde in New Hampshire ein zweiter Beschluss erwirkt, der dem FBI erlaubte, ein sogenanntes Stingray-Gerät einzusetzen. Dieses Gerät funktionierte wie ein mobiler Mobilfunkmast, klein genug, um in eine Aktentasche zu passen. Es zwang Mobiltelefone in der unmittelbaren Umgebung, sich mit ihm zu verbinden. Sobald diese Verbindung hergestellt war, erfasste das Stingray-Gerät den genauen Standort des jeweiligen Handys und die Identitätsdaten des registrierten Nutzers.
Es gab zwar in New Hampshire keinen Mobilfunkvertrag, der auf Ghislaine Maxwell zugelassen war, aber das Alias „Gmax“ war eindeutig genug. Man hatte Ghislaine Maxwell gefunden. Sie lebte auf einem großzügigen Grundstück mit einem Haus mit vier Schlafzimmern und vier Badezimmern. Auf einer Website wurde das Anwesen ziemlich überzeugend angepriesen: „Dieses atemberaubende, individuell gestaltete Blockhaus ist ein wunderbarer Rückzugsort für Naturliebhaber, die sich zudem absolute Privatsphäre wünschen.
“ Laut weiteren Immobilienwebsites wurde das Haus für über eine Million US-Dollar verkauft. Maxwell soll das Anwesen im Dezember 2019 in bar bezahlt haben, allerdings nicht unter ihrem Klarnamen, sondern über eine sorgfältig anonymisierte GmbH. Die Maklerin teilte dem FBI mit, dass es sich bei den Käufern um ein Paar gehandelt habe, beide mit britischem Akzent, die sich als Scott und Janet Marshall vorgestellt hätten. So oder so hatte Maxwell ein halbes Jahr lang ihre erwünschte absolute Privatsphäre auf dem Grundstück genossen.
Bis zum 2. Juli 2020. Um 8:30 Uhr stand das FBI vor ihrer Tür. In New York City lag eine umfangreiche Anklage gegen Ghislaine Maxwell vor.
Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage in vier Punkten im Zusammenhang mit dem sexuellen Missbrauch von Minderjährigen. Dazu kamen zwei weitere Anklagepunkte wegen Meineids, weil Maxwell bei früheren Aussagen unter Eid gelogen haben soll. Gemeint waren Aussagen, die sie während ihrer Befragung im Rechtsstreit mit Virginia Giuffre gemacht hatte. Aber vor allem die Missbrauchsvorwürfe erregten Aufmerksamkeit.
Wie es in der Anklageschrift hieß, bezog man sich auf Fälle aus der Zeit zwischen 1994 und 1997. In dieser Zeit habe Maxwell Jeffrey Epsteins Missbrauch minderjähriger Mädchen unterstützt, ermöglicht und dazu beigetragen. Eines der in der Klage zunächst namentlich nicht genannten Opfer war erst 14 Jahre alt, als es von Maxwell und Epstein umworben und missbraucht wurde, wobei beide wussten, dass einige Opfer tatsächlich unter 18 Jahre alt waren. Die Anklageschrift skizzierte, wie Maxwell Epstein dabei geholfen hatte, minderjährige Mädchen zu ködern, indem sie sich teilweise mit ihnen anfreundete und ihr Vertrauen erschlich.
Einer der Staatsanwälte sagte, Maxwell habe die Betroffenen damit wissentlich in eine Falle gelockt. Und die Anklageschrift entschlüsselte, wie Epstein und Maxwell vorgingen, sobald diese Falle zugeschnappt war. Maxwell habe dann versucht, den Missbrauch für die minderjährigen Opfer zu normalisieren, indem sie unter anderem über sexuelle Themen sprach, sich vor den Opfern entkleidete, dabei war, wenn sich die minderjährigen Opfer entkleideten, und bei sexuellen Handlungen zwischen den Opfern und Epstein anwesend war. All dies habe dazu beigetragen, die Opfer zu beruhigen, da eine erwachsene Frau anwesend war.
Am 2. Juli 2020 stand das FBI vor Ghislaine Maxwells Tür, auch wenn auf Klopfen und Klingeln erst einmal niemand reagierte. Bei Ankunft der Behörden soll sich Maxwell zunächst im Haus versteckt haben. Daraufhin wurde die Tür kurzerhand aufgebrochen und Ghislaine Maxwell festgenommen.
Bei einer Durchsuchung des Hauses fand das FBI eines von Maxwells Handys, eingewickelt in Alufolie. Es wurde davon ausgegangen, dass sie so ziemlich ineffizient versucht hatte zu verhindern, dass das Handy durch die Strafverfolgungsbehörden geortet werden konnte. Zeitweise wurde deutlich, dass Ghislaine Maxwell auf Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen werden wollte. Allerdings wohl nicht so dringend, als dass sie die nötigen Formulare vollständig ausgefüllt hätte.
Eigentlich musste sie für den Kautionsantrag ihre ihr zur Verfügung stehenden liquiden Mittel angeben. Laut Staatsanwaltschaft tat sie das aber nicht. Sie führte zwar Konten bei einer englischen Bank mit Gesamtwerten von weit über zwei Millionen Dollar auf, verschwieg aber mindestens ein Schweizer Bankkonto mit einem Guthaben von etwa vier Millionen Dollar. Wie die Staatsanwaltschaft festhielt, lag das nicht daran, dass dieses enorme Vermögen nicht existierte, sondern daran, dass sie versuchte, es zu verbergen.
Eine Kautionsanhörung fand wegen der damaligen Pandemie digital statt. Bei dieser Anhörung durften auch zwei Betroffene aussagen, die die Anklage gegen Maxwell erst ermöglicht hatten. Annie Farmer, die später noch eine wichtige Rolle spielen sollte, sagte selbst aus. Ein Staatsanwalt verlas außerdem die Aussage einer anonymen Betroffenen.
Sowohl Annie Farmer als auch die zweite Betroffene schilderten, wie Ghislaine Maxwell viele Taten von Epstein erst möglich gemacht hatte und teilweise auch selbst daran teilgenommen hatte. Zudem trugen auch Staatsanwälte ihre Argumente gegen eine Freilassung auf Kaution vor. Maxwell hatte zwar ihren offiziellen Hauptwohnsitz in den USA und einen US-Pass, aber sie war in Großbritannien aufgewachsen und in Frankreich geboren. Da sie offenbar für alle drei Länder die nötigen Papiere hatte, sah die Staatsanwaltschaft eine erhöhte Fluchtgefahr.
Oder wie die Staatsanwaltschaft es zusammenfasste: „Kurz gesagt, Maxwell verfügt über drei Pässe, große Geldsummen, weitreichende internationale Verbindungen und absolut keinen Grund, in den Vereinigten Staaten zu bleiben, um sich der Aussicht auf eine lange Haftstrafe auszusetzen. “
Dementsprechend entschied die Richterin, dass eine Freilassung von Maxwell gegen eine Kautionszahlung nicht vertretbar wäre. Maxwell musste in Haft bleiben, bis ihr Prozess gemacht wurde. Während sie bereits hinter Gittern saß, wurde ein neuer Satz Dokumente freigegeben, die im Zusammenhang mit dem Rechtsstreit zwischen ihr und Virginia Giuffre gesammelt worden waren.
Darunter waren Flugprotokolle von Epsteins Jet, Mails zwischen Epstein und Maxwell sowie Polizeiberichte über die Ermittlungen aus den Jahren 2005 bis 2008. Für die Öffentlichkeit war vieles davon neu, obwohl einige Informationen bereits bekannt waren. Während Maxwell auf ihren Prozess wartete, war sie in einem New Yorker Gefängnis inhaftiert. Berichten zufolge wurde dort alle fünfzehn Minuten geprüft, ob sie noch atmet.
Nach dem vermeintlichen Freitod von Epstein war offenbar die Angst groß, dass auch Maxwell sich etwas antun könnte. Immer wieder beteuerte sie aber, dass sie sich auf keinen Fall etwas antun würde. Und das tat sie auch nicht. Stattdessen blieb sie mehr als ein Jahr lang im Gefängnis, bis im Sommer 2021 der Prozess gegen sie begann.
Am 29. November 2021 begann der Prozess gegen die damals 60-jährige Ghislaine Maxwell. Der Fall wurde in New York vor einer Jury mit zwölf Geschworenen verhandelt. Die Staatsanwaltschaft hielt die Anklage bewusst simpel, aus einem einfachen Grund: Man legte die konkretesten Fälle vor, die sich am eindeutigsten auf Ghislaine Maxwell als Täterin konzentrierten.
Das hatte zwar zur Folge, dass einige Aspekte nicht vor Gericht verhandelt wurden, etwa dass mit Maxwells Wissen womöglich Opfer an andere Männer vermittelt wurden oder dass der Missbrauch mutmaßlich nicht nur in den USA, sondern auch im Ausland stattgefunden hatte. Aber andererseits konnte man sich durch die stringent gehaltenen Anklagepunkte ganz auf Maxwell konzentrieren und darauf, sie möglichst lange hinter Gitter zu bringen. Je simpler die Anklage, desto weniger Schlupflöcher oder Raum für Widersprüche gab es, von denen die Verteidigung hätte profitieren können. Das Ziel war es zu zeigen, dass Maxwell Epsteins Komplizin war und selbst eine Sexualstraftäterin.
Am 1. Dezember 2021 war es so weit. An diesem zweiten Verhandlungstag standen zum ersten Mal die Aussagen von Betroffenen im Vordergrund. Das war nicht nur wichtig für den Prozess gegen Ghislaine Maxwell, sondern für das große Ganze, denn Betroffene von Gewalt durch Jeffrey Epstein hatten bis dahin nie die Chance gehabt, im Rahmen eines Strafprozesses eine Aussage zu machen.
Das war Ende der 2000er durch einen Deal zwischen Epstein und der Staatsanwaltschaft verhindert worden und 2019 dann durch seinen Freitod. Umso wichtiger war dieser Tag. Die erste der vier Klägerinnen, die aussagen durfte, trat unter dem Pseudonym Jane Doe auf. Sie schilderte, dass der Missbrauch durch Epstein und Maxwell begonnen hatte, als sie erst 14 Jahre alt war.
Damals war sie im Interlochen Arts Camp in Michigan, und wie im Laufe des Prozesses deutlich wurde, gehörten Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell zu den Sponsoren dieses Sommerprogramms. Jane erinnerte sich, dass sie im Sommer 1994 gerade mit Freundinnen ein Eis aß, als eine Frau mit einem kleinen Yorkshire-Terrier auf sie zukam. Das war Ghislaine Maxwell. Sie kam ins Gespräch, und später gesellte sich ein Mann dazu.
Das war Jeffrey Epstein. Die beiden Erwachsenen interessierten sich für Janes Aufenthalt im Camp und erzählten ihr, dass sie Stipendien für talentierte Jugendliche vergaben. Als sich herausstellte, dass Jane damals in Florida wohnte, wo auch Epstein einen seiner Wohnsitze hatte, ließen sich Epstein und Maxwell Janes Telefonnummer geben. Jane gab ihnen ihre Kontaktdaten, und nach ihrer Rückkehr vom Camp riefen Epstein und Maxwell sie an und luden sie und ihre Mutter zum Tee ein.
Offenbar hatte selbst Janes Mutter keinen Verdacht geschöpft, sondern war wohl der Auffassung, ihre Tochter hätte einen glücklichen Kontakt für ihre spätere Karriere gefunden. Nach dem Kennenlernen im Umfeld des Sommercamps hätten Maxwell und Epstein weiter ihr Vertrauen erschlichen. Jane berichtete, sie habe damals das Gefühl gehabt, dass Maxwell sich aufrichtig Zeit für sie nahm und sich um sie kümmerte. Und anfangs habe sie das sehr genossen.
Immer wieder machten sie zu dritt Ausflüge, gingen ins Kino oder shoppen. Doch diese scheinbar harmonische Stimmung änderte sich schlagartig, als Epstein begann, sie zu missbrauchen. Und nicht nur er. Jane Doe beschuldigte in ihrer Aussage auch Maxwell des sexuellen Missbrauchs.
Auf die Frage des Staatsanwalts, was Maxwell in solchen Situationen üblicherweise getan hätte, antwortete Jane: „Sie und andere begannen einfach, sich auszuziehen. Jeffrey legte sich auf den Massagetisch, und dann wurde das zu einer Orgie. “ Maxwell sei mehrfach dabei gewesen, als Epstein sie im Alter von 14 Jahren missbraucht habe. Während ihrer Aussage brach Janes Stimme mehrfach weg, doch sie schaffte es weiterzureden und von ihren Missbrauchserfahrungen zu berichten.
Nur einen Tag später, am 2. Dezember 2021, musste sie noch einmal in den Zeugenstand. Dieses Mal stellte sie sich einem Kreuzverhör von Maxwells Verteidigung. Für die Anwälte der Angeklagten war das oberste Ziel, das Erinnerungsvermögen von Jane Doe in Frage zu stellen und so ihre Glaubwürdigkeit zu zerstören.
Diese Taktik kannte man schon aus den ersten Ermittlungen, die in den 2000ern gegen Epstein geführt worden waren. Er war damit durchgekommen, die Betroffenen als aufmerksamkeitsuchende Jugendliche darzustellen. Und offenbar verfolgte Maxwell in ihrem Strafprozess etwa 15 Jahre später eine ähnliche Strategie. Unter anderem wurde bei Jane immer wieder nachgehakt, warum sie in früheren Befragungen nur von Missbrauch durch Epstein berichtet hatte, nie durch Ghislaine Maxwell.
Die Verteidigung hatte als Indiz ein Befragungsprotokoll aus dem Jahr 2019 dabei. Damals hatte Jane Doe gesagt, sie sei sich nicht mehr sicher, ob sie auch von Maxwell berührt worden sei. Jetzt in ihrer Zeugenaussage behauptete Jane das aber felsenfest. Die Verteidigung sah hier einen Widerspruch und fragte immer weiter, wie die Zeugin diesen Widerspruch erklären könnte.
Jane sagte darauf immer wieder: „Ich weiß es nicht. “ Sie begann sogar zu weinen, und auch das war für die Verteidigung ein gefundenes Fressen. Die Anwälte erklärten nämlich, die junge Frau habe schließlich Schauspielerfahrung, und implizierten, ihr Auftritt vor Gericht sei nur eine weitere dramatische Rolle für sie. Die ganze Befragung rief bei Prozessbeobachtern Verwunderung hervor.
Allerdings gar nicht unbedingt, weil sich Jane Doe an einiges nicht mehr gut erinnern konnte. Unter den Zuschauern im Gerichtssaal saß auch Vicky Ward, eine Journalistin. Sie erzählte später: „Im Zuschauerraum habe man sich viel eher gefragt, warum man die Zeugin nicht besser auf das Kreuzverhör vorbereitet habe. Dass nach jeder möglichen Inkonsistenz in Aussagen gesucht würde und dass diese dann ausgebreitet würden, sei schließlich normal bei einem Prozess.
“ Aber so wie Vicky Ward es schilderte, schien die Zeugin nicht hinreichend auf so etwas vorbereitet gewesen zu sein. Was Ward verwunderte, weil die Zeugin doch ihre ersten Aussagen beim FBI und damit bei einer Bundesbehörde gemacht hatte. Es wirkte auf sie, als sei sie vor dem Prozess nicht wirklich gebrieft worden, was da auf sie zukommen würde. Auch wenn die Befragung von Jane aufwühlend war, trat auch die zweite Frau in den Zeugenstand.
Sie wurde unter dem Namen Kate vorgestellt. Auch sie gab an, Ghislaine Maxwell 1994 kennengelernt zu haben. Allerdings nicht in den USA, sondern in Paris. Kate erzählte, sie sei am Anfang sehr beeindruckt von Maxwell gewesen.
Die ältere Frau habe auf sie sehr kultiviert und elegant gewirkt. Also habe sie Maxwell ihre Telefonnummer gegeben, und kurz darauf habe Maxwell sie zum Tee in ihr Londoner Stadthaus eingeladen. Bei dieser Verabredung habe Maxwell dann von ihrem Freund Jeffrey Epstein geschwärmt. Kurze Zeit später habe Maxwell sie angerufen und gesagt, dieser Freund sei gerade da und ob sie nicht Lust hätte, spontan vorbeizukommen und ihn kennenzulernen.
Kate sagte: „Dort angekommen, habe Maxwell erzählt, wie stark Kate sei und dass Kate das mal demonstrieren und sie mit Druck massieren solle. “ Kate habe das auch gemacht. An diesem Tag passierte nichts weiter. Epstein bekam mittendrin einen Anruf, und Maxwell brachte Kate zur Tür.
Ein paar Wochen später habe Maxwell aber wieder bei Kate angerufen und gesagt, Epstein habe abgesagt, und ob sie nicht vielleicht spontan einspringen könnte. Kate ging hin und berichtete, Maxwell habe sie die Treppe hinauf in ein Zimmer mit einem Tisch geführt. Dort habe Epstein auf sie gewartet. Maxwell habe Kate mit ihm alleingelassen und die Tür zugemacht.
Dann habe er sie missbraucht, wie Kate berichtete. Das habe sich in den folgenden Jahren so noch mehrmals wiederholt. Als dritte Betroffene sagte eine Frau aus, die unter dem Namen Caroline auftrat. Sie hatte Epstein Anfang der 2000er kennengelernt, über Virginia Giuffre.
Das Pyramidenschema, mit dem Epstein vorging, war bereits bekannt. Caroline erzählte, sie sei zusammen mit Virginia zu Epsteins Anwesen in Palm Beach gegangen. Dort seien sie von Ghislaine Maxwell in Empfang genommen worden. Maxwell habe zu Virginia gesagt: „Du kannst sie mit nach oben nehmen und jetzt zeigen, was sie zu tun hat.
“ Und das habe Virginia dann auch getan. Caroline berichtete, sie sei danach noch mehrfach ohne Virginia zu Epsteins Haus zurückgegangen. Maxwell habe ihre Telefonnummer bekommen und angerufen, um Massagen zu vereinbaren. Caroline erzählte, sie sei zwischen ihrem 14.
und 18. Lebensjahr über 100 Mal bei Epstein gewesen. Mehrere Male sei auch Maxwell während der Taten im Haus gewesen. Sie schätzte, dass Maxwell sie über 30 Mal unbekleidet gesehen haben musste.
Einmal, als Caroline erst 14 war, sei Maxwell vor einer der Massagen hereingekommen. Caroline erzählte, Maxwell habe sie bei dieser Gelegenheit an intimen Stellen berührt und gesagt, „dass ich einen tollen Körper für Mr. Epstein und seine Freunde hätte“. Als letzte Betroffene sagte Annie Farmer aus.
Ein Teil ihrer Geschichte war bereits bekannt, denn Annies Schwester Maria hatte schon in den 90ern versucht, die Behörden auf Epstein aufmerksam zu machen. Was Maria damals im Namen ihrer Schwester geschildert hatte, erzählte Annie nun selbst vor Gericht. Sie berichtete, dass Maxwell ihr im Alter von nur 16 Jahren eine Nacktmassage gegeben habe. Farmer gab an, Epstein Ende 1995 in seinem Anwesen in Manhattan kennengelernt zu haben.
Annies Schwester Maria Farmer arbeitete damals an einem Kunstprojekt für ihn. Am Tag ihres Kennenlernens habe Epstein beiden Schwestern Karten für das Phantom der Oper geschenkt. Annie ging hin, um sie abzuholen. Sie sah Epstein ein weiteres Mal, als sie und Maria mit ihm ins Kino gegangen waren.
Er saß zwischen den beiden Schwestern. Dabei streichelte er Farmas Hand und berührte ihren Fuß und ihr Bein. Im Frühjahr 1996 lud Epstein Annie dann für ein Wochenende auf seine Ranch in New Mexico ein. Sie sei erst etwas unsicher gewesen, aber mit Ghislaine Maxwell war auch eine Frau anwesend, und das gab Annie ein Gefühl von Sicherheit.
Auf der Ranch wurde beschlossen, dass Annie lernen sollte, Epstein zu massieren. Annie erzählte, Maxwell habe ihr Anweisungen gegeben, denen sie gefolgt sei. Maxwell habe sie dann gefragt, ob sie selbst jemals eine professionelle Massage erhalten habe. Annie schilderte weiter: „Sie sagte, ich solle mich ausziehen und mich unter das Laken auf die Massageliege legen.
Sie zog das Laken herunter, entblößte meine Brüste und begann, meine Brust und meinen oberen Brustbereich zu massieren. “
Die Aussagen der vier Klägerinnen deckten sich im Wesentlichen. Es gab zwar, wie etwa bei Jane Doe, kleinere Widersprüche, aber es wurde ja auch über Dinge verhandelt, die teilweise mehr als 15 Jahre zurücklagen. Und auch wenn die Erinnerung hinsichtlich kleiner Details wie einem Datum manchmal nicht stimmig war, im Kern, wenn es um die eigentlich strafbaren Akte ging, waren alle vier Klägerinnen beharrlich, und ihre Aussagen passten zueinander.
Unterstützend war die Aussage von Epsteins ehemaligem Haushälter Juan Alessi. Es lag eine Mail vor, die Maxwell an einen weiteren Mitarbeiter geschickt hatte, in der sie sich beschwerte, dass Juan Alessi Massagecremes nicht aufgeräumt habe. Vor Gericht erklärte er dazu, er habe nach Epsteins Massagebesuchen üblicherweise aufgeräumt, bis zu dreimal täglich. Dabei legte er nicht nur Massageutensilien an ihren Platz zurück, sondern auch Sexspielzeuge, und die wurden laut Juan Alessi in einem Korb in Ghislaine Maxwells Kleiderschrank aufbewahrt.
Alessi sagte weiterhin aus, dass Maxwell ihn manchmal angewiesen habe, junge Frauen zu kontaktieren und abzuholen. Konkret erinnerte er sich an zwei minderjährige Mädchen, die etwa 14 oder 15 Jahre alt zu sein schienen. Zum einen Jane Doe, die Maxwell nun als Klägerin gegenübersaß. Zum anderen Virginia Giuffre.
Trotz der überzeugenden Aussagen wollte die Verteidigung weiter daran arbeiten, die Glaubhaftigkeit der Frauen zu untergraben. Am 17. Dezember, nachdem alle vier Klägerinnen ausgesagt hatten, rief die Verteidigung als Zeugin Elizabeth Loftus auf, eine Psychologin und ehemalige Hochschulprofessorin. In ihrer Forschung hatte sich Loftus intensiv mit dem menschlichen Gedächtnis und insbesondere der Glaubwürdigkeit von Augenzeugenberichten auseinandergesetzt.
Loftus sagte, sie habe die Existenz falscher oder implantierter Erinnerungen bewiesen. Ihre Studien hätten gezeigt, dass Teilnehmer, wenn man ihnen etwas oft genug suggeriere, manchmal eine Erinnerung entwickeln könnten, die sie für echt hielten, die aber nicht real sei. Die Studie, auf die Loftus sich dabei oft bezog, war allerdings eine, die sich nicht auf Missbrauchserfahrungen bezog. In der Gruppe von Teilnehmern wurde für die Studie erzählt, dass ihre Eltern den Forschern berichtet hätten, sie hätten sich als Kinder mal in einem Einkaufszentrum verlaufen.
Einige Teilnehmer berichteten daraufhin tatsächlich von Erinnerungen an dieses Ereignis, obwohl die Forscher diese Erinnerung erfunden hatten und die Eltern ihnen von so etwas nie berichtet hatten. Durch ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse war Loftus zur Expertin geworden, die in Strafprozessen als Sachverständige aussagte. Und das sollte sie nun eben auch für Ghislaine Maxwell tun. Die Verteidigung hoffte, dass Elizabeth Loftus die Richter davon überzeugen konnte, dass auf die Aussagen der Klägerinnen kein Verlass sei.
Bei aller fachlichen Kompetenz war Loftus durchaus umstritten, auch unter anderen Wissenschaftlern. Nicht zuletzt, weil ihr Auftreten bei Strafprozessen nahezu immer dazu diente, Personen, die als Betroffene aussagten, ihre Betroffenheit abzusprechen. Ihre Motivation begründete Loftus einmal damit, es sei besser, zehn Schuldige freizulassen, als einen Unschuldigen im Gefängnis zu lassen. Sie hatte unter anderem als Expertenzeugin oder als Beraterin für die Verteidigung von Angeklagten wie O.
J. Simpson oder Harvey Weinstein ausgesagt. Es war für sie also nichts Neues, in einem kontroversen Prozess auszusagen. Loftus erzählte der Jury von Experimenten, in denen es ihr und ihren Kollegen gelungen war, Versuchsteilnehmern falsche Erinnerungen einzupflanzen.
Sie beschrieb das so: „Selbst traumatische Erlebnisse können nachträglich durch Suggestionen beeinflusst werden. Falsche Erinnerungen können sehr lebhaft und detailliert sein. Die Menschen können von ihnen überzeugt sein und emotional darauf reagieren, obwohl sie falsch sind. “
Das passte zu dem zweiten Strang von Maxwells Verteidigungsstrategie, nämlich dass die vier Betroffenen nur hofften, sich durch einen Prozess gegen Maxwell finanziell zu bereichern.
Die Verteidigung warf den Frauen vor, sie hätten von der Berichterstattung über Epstein mitbekommen und darüber, dass ein Teil seines Vermögens nach seinem Tod für die Entschädigung seiner Opfer verwendet werden sollte. Also hätten die Frauen jeweils eine Geschichte über Ghislaine Maxwell erfunden, um ihre Ansprüche auf Entschädigung aus dem Epstein-Fonds zu untermauern. Dabei hätten sie die Gelegenheit genutzt, dass die Behörden ein Verfahren gegen Maxwell anstrebten, und gehofft, wenn sie helfen würden, Maxwell hinter Gitter zu bringen, würden sie Geld aus Epsteins Nachlass bekommen. Das Unterbewusstsein hätte sich die Anschuldigungen gegen Maxwell also zurechtgebogen, um an Geld zu kommen.
Das war die Hauptstrategie von Maxwell und ihre Erklärung dafür, dass vier Frauen unabhängig voneinander ähnliche Vorwürfe gegen sie erhoben. Als Elizabeth Loftus gefragt wurde, ob es denn üblich sei, dass das menschliche Gehirn sich mit Aussicht auf Geld falsche Erinnerungen ausdenken könne, antwortete sie: „Mir sind keine Studien dazu bekannt, aber nach meinen Recherchen ist das durchaus plausibel. “ Laut Loftus mochte das plausibel sein, aber es gab keine wissenschaftliche Evidenz dafür. Dafür eine Menge entsprechender Vorurteile gegen Frauen, die sich trauten, gegen wohlhabende Männer vorzugehen.
Allerdings war diese Strategie nicht nur eine, die auf solchen Vorurteilen aufbaute. Sie ließ sich auch ziemlich solide von den gut vorbereiteten Staatsanwälten widerlegen. Zum einen argumentierte Maxwells Verteidigung selbst damit, dass alle bereits eine Entschädigung aus Epsteins Nachlass erhalten hätten. Nun würden sie sicherlich hoffen, von ihren Aussagen finanziell weiter profitieren zu können, wenn sie, wie die Anwältin es nannte, übertreiben würden.
Eine Staatsanwältin wies darauf hin, dass das doch ein Widerspruch in sich sei, denn die Frauen hatten ja eben schon jeweils Geld aus den Opferfonds bekommen und wurden finanziell entschädigt. Wäre es diesen Frauen wirklich nur ums Geld gegangen, wie es dargestellt wurde, hätten sie nicht den nervenaufreibenden Weg vor Gericht gehen müssen. Denn wie gesagt, eine finanzielle Entschädigung hatten sie bereits. Mit dem Prozess gegen eine wohlhabende Frau wie Maxwell gingen sie stattdessen alle ein persönliches und finanzielles Risiko ein, zumal die Betroffenen rechtliche Schritte gegen sich selbst riskieren würden, wenn sie jetzt vor Gericht und unter Eid falsch aussagen würden.
Und auch auf psychologischer Ebene war das mit den falschen Erinnerungen deutlich komplexer. Elizabeth Loftus bezog sich oft auf eine Studie, in der Leuten eingeredet wurde, sie hätten sich als Kinder mal in einem Einkaufszentrum verlaufen. Das war etwas anderes, als eine Erinnerung daran, im Teenageralter sexuell missbraucht worden zu sein oder etwas ähnlich Traumatisches erlebt zu haben. Um das darzulegen, stellten die Staatsanwälte eine Studie vor, bei der ebenfalls versucht wurde, den Teilnehmern eine falsche Erinnerung einzupflanzen, nämlich, dass sie einmal einen rektalen Einlauf bekommen hätten.
Keine der 20 Teilnehmer glaubte nach diesen Versuchen, sich an so etwas erinnern zu können. Damit wurde Loftus im Kreuzverhör konfrontiert, und sie räumte ein, dass es bei dieser Studie eben nicht gelungen war, die falsche Erinnerung einzupflanzen, anders als bei ihrem Einkaufszentrum-Versuch. Es waren einfach zwei völlig unterschiedliche Dinge. Und genau das war hier der Punkt.
Das Beispiel aus der Studie, die die Staatsanwaltschaft vorstellte, war invasiv und wurde vom Gehirn auch so registriert, vielleicht sogar als traumatisch. Und genau deshalb, so die Implikation, war es in der Studie nicht gelungen, falsche Erinnerungen an so ein Prozedere einzupflanzen. Das wurde weiter verstärkt, als eine der Staatsanwältinnen Loftus ins Kreuzverhör nahm. Sie fragte Loftus, ob es richtig sei, dass Menschen dazu neigen, sich an den Kern oder das Wesentliche von traumatischen Ereignissen zu erinnern.
Loftus bejahte das. Sie bejahte auch, dass es passieren kann, dass Menschen einige der nebensächlichen Details eines traumatischen Ereignisses vergessen können. Auf die Frage, ob die Kernerinnerung an ein traumatisches Ereignis stärker bleibe, antwortete sie: „Dem stimme ich wahrscheinlich zu. “ Und die Kernerinnerungen der Betroffenen waren für die Jury überzeugend genug.
Später würden Experten sagen, dass Maxwell sich mit dieser Diskreditierungsstrategie keinen Gefallen getan hatte, denn das war im Grunde alles, was sie vorweisen konnte. Es gab keine anderweitigen Entlastungen, keine Zeugenaussagen zu ihren Gunsten, keine plausible Begründung oder Entschuldigung für das, was geschehen war, nicht einmal einen Versuch davon. Ghislaine Maxwell selbst entschied sich, nicht zu ihrer Verteidigung auszusagen. Stattdessen kam von ihr nur folgendes: „Euer Ehren, die Staatsanwaltschaft hat ihre Anschuldigungen nicht zweifelsfrei bewiesen.
Daher besteht für mich keine Notwendigkeit auszusagen. “
Das Gericht sah das gänzlich anders. Es gab nur einen Anklagepunkt, in dem die Jury die Anschuldigung gegen Maxwell als nicht zweifelsfrei bewiesen erachtete: die Verleitung einer Minderjährigen zur Reise zur Ausübung illegaler sexueller Handlungen. Das war allerdings auch ein sehr spezifischer Anklagepunkt.
In allen anderen fünf Anklagepunkten lautete das Urteil gegen Ghislaine Maxwell jedoch schuldig: wegen Menschenhandels zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung, Verschwörung zur Verleitung von Personen unter 17 Jahren zur Reise im zwischenstaatlichen Verkehr mit der Absicht, illegale sexuelle Handlungen vorzunehmen, Verschwörung zum Transport von Personen unter 17 Jahren im zwischenstaatlichen Verkehr mit der Absicht, illegale sexuelle Handlungen vorzunehmen, Förderung einer Person unter 17 Jahren mit der Absicht, illegale sexuelle Handlungen vorzunehmen, sowie Verschwörung zum Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung von Personen unter 17 Jahren. Ghislaine Maxwell war mit dem Ausgang ihres Prozesses natürlich alles andere als zufrieden. Noch bevor das Strafmaß verkündet wurde, versuchte sie im Frühjahr 2022, eine Neuverhandlung zu erwirken. Ihr Argument: Eine Jurorin hatte nach dem Prozess angegeben, als Kind Missbrauchserfahrungen gemacht zu haben, das vorher aber nicht offengelegt zu haben.
Deshalb sei die Jury nicht zu einem unparteiischen und fairen Urteil in der Lage gewesen. Die zuständige Richterin wies diesen Antrag von Maxwell jedoch zurück. Stattdessen bekam Maxwell eine Freiheitsstrafe von 20 Jahren, dazu noch einmal 5 Jahre auf Bewährung. Außerdem musste sie eine Geldstrafe in Höhe von 750.
000 Dollar zahlen. Da Maxwell zum Zeitpunkt ihrer Verurteilung bereits 60 Jahre alt war, war es möglich, dass sie das Gefängnis nicht mehr lebend verlassen würde. Es sei denn, sie überzeugte mit guter Führung, dann könnte sie schon mit Ende 70 herauskommen. Und am 28.
Juni 2022 sagte Ghislaine Maxwell zum ersten Mal überhaupt etwas. Allzu viel Substanz hatte ihr Statement allerdings nicht. Sie sagte: „Ich empfinde tiefes Mitgefühl für alle Opfer in diesem Fall. Ich erkenne auch an, dass ich dafür verurteilt wurde, Jeffrey Epstein bei der Begehung dieser Verbrechen geholfen zu haben.
Und trotz der vielen hilfreichen und positiven Dinge, die ich in meinem Leben getan habe und auch weiterhin tun werde, weiß ich, dass meine Verbindung zu Epstein und dieser Fall mich für immer und dauerhaft in Verruf bringen wird. Jeffrey Epstein hätte hier vor ihnen allen stehen sollen. Er hätte schon vor all den Jahren vor ihnen stehen sollen. Er hätte 2005 vor ihnen stehen sollen.
Erneut 2009 und noch einmal 2019. Die Schmerzen, die sie ertragen mussten, tun mir leid. “
Es war immerhin so etwas wie eine Entschuldigung. Ein Eingeständnis der eigenen Schuld sah allerdings anders aus.
Im Prinzip sagte Maxwell nur, dass sie es bereute, sich mit Epstein abgegeben zu haben, weil sie dadurch nun schlecht dastehe. Und wenn sie sagte, dass er hätte vor Gericht stehen sollen, stellte sie es letztlich so dar, dass sie nur der Sündenbock für Epsteins Verbrechen war. Im Sommer 2022 wurde Maxwell in ein anderes Gefängnis verlegt, das FCI Tallahassee im US-Bundesstaat Florida. Dieses Gefängnis galt als sogenanntes Low-Security-Gefängnis.
Zuvor hatten sich ihre Anwälte schon mehrfach über die Haftbedingungen beschwert, unter denen Maxwell in einem Gefängnis in Brooklyn untergebracht war. Laut ihnen habe sie dort beinahe hausen müssen wie Dr. Hannibal Lecter in „Das Schweigen der Lämmer“. Außerdem habe man ihr den Zugang zu Trinkwasser verwehrt und mit Maden infiziertes Essen gegeben.
Eine andere Insassin habe außerdem gedroht, Maxwell umzubringen, und angedeutet, jemand habe ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt. Obwohl die Bedingungen in Tallahassee wohl besser waren, hatte Maxwell trotzdem weiter Ärger. Eine Anwaltskanzlei, die an der Verteidigung von Maxwell beteiligt war, verklagte sie, ihren Ehemann und ihren Bruder, weil das Honorar der Kanzlei wohl nie vollständig bezahlt wurde. Maxwell habe wohl nach ihrer Verhaftung ihren Bruder beauftragt, die Anwaltskosten zu bezahlen.
Das habe er jedoch nur teilweise gemacht. Trotzdem fand sie Anfang 2023 die Zeit für ein Interview aus dem Gefängnis, allerdings nur zu ihren eigenen Bedingungen. Ghislaine Maxwells erstes Interview aus dem Gefängnis wurde über einen Videoanruf geführt. Es war zwar auch eine Produzentin dabei, aber neben ihr saß einer von Maxwells Brüdern, der hauptsächlich die Fragen stellte.
Unter anderem wurde Maxwell während des Gesprächs gefragt, ob sie glaube, dass Epstein sein Leben wirklich freiwillig beendet habe. Wie auch Hinterbliebene sagte Maxwell, dass sie glaube, dass er ermordet worden sei. Auf die Frage, was der größte Fehler in ihrem Leben gewesen sei, sagte Maxwell, sie wünschte, sie hätte Epstein nie getroffen. Sie habe nie gewusst, was für ein schrecklicher Mensch er gewesen sei, und die Bekanntschaft zu ihm habe letztlich ihr Leben ruiniert.
Zu guter Letzt teilte sie auch noch gegen Virginia Giuffre aus. Das heute berühmte Foto, das die damals erst 17-jährige Virginia neben Maxwell und Prinz Andrew zeigt, sei fake. Dafür habe Ghislaine Maxwell Beweise. Leider fragte ihr Bruder nicht nach, was für Beweise das sein sollte, und sie legte auch keine vor.
Für eine Psychologin aus Palm Beach, die mehrere Opfer von Epstein und Maxwell betreut hatte, war dieses Interview aus dem Gefängnis nur ein Versuch von Maxwell, irgendwie die Kontrolle zu behalten. Dazu passte ja auch, dass ausgerechnet ihr Bruder einen Großteil der Fragen stellte. Das Interview war nicht Ghislaine Maxwells einziger Versuch, ihren Ruf wiederherzustellen. Sie versuchte über mehrere Instanzen hinweg, Berufung gegen ihre Verurteilung einzulegen.
Allerdings war sie damit nicht erfolgreich. Das Urteil gegen sie blieb ebenso bestehen wie ihr Strafmaß. Erst Ende 2025 zog sie sogar bis vor den Supreme Court. Sie versuchte, sich dabei auf den umstrittenen Deal zu berufen, den Jeffrey Epstein Ende der 2000er mit der Staatsanwaltschaft in Florida ausgehandelt hatte.
Aber der Deal wurde in Florida gemacht und wurde vom Supreme Court deshalb nicht als relevant für Maxwell erachtet. Ihr Prozess hatte ja ohnehin in einem anderen Bundesstaat, in New York, stattgefunden. Trotzdem blieb der Name Ghislaine Maxwell weiterhin oft in den Medien, und das aus gutem Grund, denn während ihres Prozesses hatte sie ja nicht ausgesagt. Niemand wusste, welche Kenntnisse oder Informationen sie vielleicht noch zu Epstein oder seinen Machenschaften haben könnte.
Darum war es wenig verwunderlich, dass Maxwell am 24. und 25. Juli 2025 unter Ausschluss der Öffentlichkeit befragt wurde, von niemand Geringerem als Todd Blanche. Er war damals der stellvertretende US-Justizminister und hatte Trump im Jahr zuvor während seiner Strafprozesse erfolglos verteidigt.
Während der Befragung erklärte Maxwell gegenüber Todd Blanche, Präsident Trump habe in ihrer Gegenwart nie etwas Verwerfliches getan. Laut dem Fernsehsender MSNBC sollte Maxwells damaliger Anwalt nebenbei ein guter Freund von Blanche sein. Auch Maxwell und Trump kannten sich schon seit Jahrzehnten. Trump war schon ein Bekannter von Maxwells Vater gewesen.
Trump soll sich Ende der 80er mit Ghislaine Maxwell angefreundet haben. Danach wurden die beiden immer wieder bei verschiedenen Veranstaltungen abgelichtet. Mit Virginia Giuffre soll Maxwell mindestens eine Betroffene von Epsteins Machenschaften in Trumps Mar-a-Lago kennengelernt haben. Schon 1997 hatte eine New Yorker Zeitung berichtet, dass Maxwell Trump einige ihrer attraktiveren Freundinnen vorgestellt habe, etwa die damals 20-jährige Nuska de Giorgio.
In dem Artikel aus 1997 hieß es: „Nach ihrem Treffen flogen Trump, Frau Maxwell und das Model in den Süden, in den Sunshine State, wo die drei gemeinsam ein schönes Wochenende verbrachten. Als sie nach New York zurückkehrten, bezog Nuska eine von Donald Trumps zahlreichen Wohnungen dort. “ Später, im Jahr 2019, hatte de Giorgio selbst als Betroffene ausgesagt. Während einer Anhörung nach Epsteins Tod sagte sie vor Gericht aus, dass sie jahrelang vergewaltigt und sexuell missbraucht worden sei.
Dass Epstein und Trump eine Vorgeschichte miteinander hatten, war hinreichend bekannt und wurde beinahe täglich besprochen. Dass Trump auch zu Maxwell eine schon seit den 90ern dokumentierte Verbindung hatte, geriet jedoch oft in den Hintergrund. Nicht jedoch für den eben schon erwähnten Sender MSNBC, denn als der über das Gespräch zwischen Maxwell und Todd Blanche im Sommer 2025 berichtete, merkte der Sender noch etwas Interessantes an: Maxwell wechselte unmittelbar nach dem Gespräch mit Todd Blanche abermals das Gefängnis und wurde in eine Einrichtung mit deutlich entspannteren Sicherheitsbestimmungen verlegt, in eine, die laut dem Sender eigentlich gar nicht dafür gemacht sei, Sexualstraftäterinnen zu beherbergen. Von Tallahassee aus ging es für Maxwell nach Bryan, in Texas, in das Federal Prison Camp.
Praktischerweise lebten laut MSNBC auch mehrere Verwandte von Maxwell in der Nähe. Dieses neue Gefängnis zählte wohl zu den Einrichtungen mit der niedrigsten Sicherheitsstufe im Bundesgefängnissystem, mit begrenzten oder gar keinen Umzäunungen, Unterbringungen in Schlafsälen und einem relativ geringen Personal-Insassen-Verhältnis. Laut dem Weißen Haus sei diese Verlegung eine reine Routineangelegenheit und kein Ausdruck irgendeiner Extrawurst für Maxwell. Etwas anderes stand aber in einem Memo aus der US-Gefängnisbehörde aus dem Jahr 2019.
Da hieß es zur Einstufung der Sicherheitsstufe von Häftlingen, dass jede Person mit einer Vorgeschichte sexueller Übergriffe oder sexueller Kontakte mit Minderjährigen in einer Einrichtung mit mindestens niedriger Sicherheitsstufe untergebracht werden sollte, also einem Low-Security-Gefängnis wie dem in Tallahassee, in dem Maxwell zuvor war. Das Gefängnis in Texas war aber nicht mal ein Low-Security-Gefängnis, sondern eine Minimum-Security-Einrichtung. Die ehemalige Justizministerin Pam Bondi sagte Anfang 2026 aus, sie habe selbst keine Kenntnis darüber, weshalb Maxwell verlegt worden sei. In jedem Fall seien das Gefängnis in Tallahassee und das in Texas auf demselben Level, sodass es keine Verbesserung für Maxwell gegeben habe.
Fragte sich nur, warum dann das eine als Low- und das andere als Minimum-Security-Gefängnis geführt wurde. Schon im August 2025 stellten einige Reporter auch Präsident Donald Trump Fragen zu dem Gefängniswechsel von Maxwell. Einer fragte, ob der Präsident davon gewusst oder das Ganze persönlich verantwortet habe. Trumps Antwort: „Ich wusste davon gar nichts.
Nope, ich habe davon gelesen. Genau wie Sie. “ Die Umstände um Ghislaine Maxwells Verlegung waren also weiterhin ziemlich undurchsichtig. Im November 2025 wurde berichtet, dass ein Whistleblower einem Abgeordneten erzählt haben soll, Maxwell würde im Gefängnis in Texas gesonderte Vorteile genießen.
Angeblich bekäme sie eigens für sie gekochte Mahlzeiten. Besucher hätten die Erlaubnis, Computer mit zu ihren Treffen mit Maxwell zu bringen. Sie habe gegen die Einsamkeit einen Hund bei sich, und die Gefängniswärter dürften für sie Mails und Dokumente verschicken. Ob das stimmte, wurde hoffentlich intern untersucht.
Aber auch abseits der Haftbedingungen rissen die Schlagzeilen um Maxwell nicht ab. Im Dezember 2025 wurde bekannt, dass sie abermals versuchen wollte, ihre Verurteilung aufzuheben. Obwohl sie ja sogar schon vor dem Supreme Court gescheitert war, gab sie nicht auf. Dass sie trotzdem noch einen Versuch starten konnte, war dank der sogenannten Habeas-Corpus-Petition möglich.
Damit beantragte sie vor Gericht ein außerordentliches Rechtsmittel und legte die entsprechenden Unterlagen selbst vor, sonst machen das üblicherweise Anwälte. In den eingereichten Gerichtsdokumenten gab sie an, neue Beweise dafür zu haben, dass ihr Gerichtsverfahren nicht fair verlaufen sei. Ihr Ziel war, ihre Haftstrafe aufheben zu lassen. Sie behauptete in den Dokumenten etwa, dass die Anwälte der Opfer Epsteins sich mit den Ermittlern der Behörden abgesprochen und zusammengetan hätten, und warf einigen Geschworenen Voreingenommenheit vor.
Weiterhin schrieb sie, es gebe insgesamt 29 Personen, die aufgrund geheimer Vergleiche mit den Behörden nie im Zusammenhang mit Epstein strafrechtlich verfolgt wurden, was ihre Haftstrafe unverhältnismäßig mache. Es handelte sich laut ihr um vier Frauen, womit wohl die Mitverschwörerinnen aus dem Justizdeal der 2000er gemeint waren, sowie 25 weitere männliche Personen. Es war allerdings weder klar, wer diese Leute sein sollten, noch was für Einigungen sie genau mit der Justiz getroffen haben sollten. Maxwell schrieb selbst in ihrem Dokument: „Keine der vier namentlich genannten Mitverschwörerinnen oder der 25 Männer, mit denen geheime Vergleiche geschlossen wurden, wurde angeklagt.
Keiner dieser Männer wurde strafrechtlich verfolgt, und keiner wurde der Antragstellerin, also Maxwell, gegenüber offengelegt. Hätte sie davon gewusst, hätte sie sie als Zeugen geladen. “
Anfang 2026 wurde Ghislaine Maxwell erstmals selbst vorgeladen. Sie sollte vor einem Ausschuss des US-Repräsentantenhauses eine Aussage machen.
Hintergrund waren neue Ermittlungen zum Epstein-Komplex. Der Ausschuss beschäftigte sich mit möglichen Mitwissern oder Komplizen von Epstein, und als Epsteins ehemalige engste Vertraute war es plausibel, Ghislaine Maxwell zu befragen. Am 9. Februar wurde Maxwell virtuell aus dem Gefängnis in Texas dazu geschaltet.
Allerdings berief sie sich auf den Fünften Verfassungszusatz der US-Verfassung, also auf das Recht zu schweigen und die Fragen des Ausschusses nicht zu beantworten. Allerdings gab Maxwell bei dieser Gelegenheit über ihren Anwalt bekannt, sie sei zu einer vollständigen Aussage bereit, sollte US-Präsident Donald Trump sich dafür entscheiden, sie zu begnadigen. Weiterhin könne sie dann ausführlich darlegen, dass weder Trump noch der ehemalige Präsident Bill Clinton sich im Zusammenhang mit Epstein etwas hätten zuschulden kommen lassen. Aber dafür solle Trump sie eben zuerst begnadigen.
Maxwell pokerte also ein bisschen, aber ganz abwegig war dieser Versuch nicht. Bereits im Oktober 2025 war Trump bei einer Pressekonferenz gefragt worden, ob er in Erwägung ziehen würde, Maxwell zu begnadigen. Seine Antwort war ausweichend gewesen. Die Reporterin, die die Frage gestellt hatte, informierte Trump daraufhin kurz.
Sie erzählte, dass Maxwell versucht habe, das Urteil gegen sie zu kippen, damit aber gescheitert sei. Die entsprechende Justizministerin war inzwischen nicht mehr im Amt, hatte kurz vor ihrem Ausscheiden aber noch implizit eine Begnadigung von Maxwell abgelehnt. Der Fall rund um Epstein und auch Maxwell war mittlerweile ausreichend bekannt, dass Maxwells Vorschlag einer Begnadigung insgesamt ziemlich viel Empörung hervorrief. Sowohl namhafte Republikaner als auch Demokraten hatten sich gegen eine wie auch immer geartete Verkürzung von Maxwells Haftstrafe ausgesprochen.
Nach Maxwells Aussage machte auch das Weiße Haus auf eine frühere Äußerung von Trump aufmerksam, in der er darüber sprach, dass eine Begnadigung nicht in Betracht gezogen werde. Er hatte zwar auch schon mal etwas ganz anderes gesagt, aber dieses Spiel kannte man inzwischen zur Genüge. Fakt war, dass eine Begnadigung von Maxwell in jedem politischen Lager für heftige Kritik sorgen würde. Und die US-Politik hatte durchaus genug Baustellen.
Wobei einige Leute glaubten, Ghislaine Maxwell sei schon längst frei. Ähnlich wie nach dem Tod von Jeffrey Epstein gab es auch hier wieder die Theorie, ein Double von Maxwell sei im Gefängnis, während sie in Freiheit ihr bestes Leben lebe. Unter anderem war erst Anfang des Jahres ein Video rumgegangen, das Maxwell in Quebec zeigen sollte. Auf den ersten Blick sah das auch ziemlich überzeugend aus, inklusive der überrumpelten Reaktion, als der Videoersteller die Frau ansprach.
Allerdings handelte es sich bei diesem Video um einen KI-Fake, was zum einen daran zu sehen war, dass die angebliche Maxwell in einer Einstellung zwischenzeitlich mal zwei Nasen hatte. Zum anderen hatte der Ersteller des Videos das selbst zugegeben und auch weitere ähnliche Videos mit bekannten Persönlichkeiten erstellt. Es war wahrscheinlich kein Wunder, dass ausgerechnet im Zusammenhang mit diesem Fall so viele durch Deepfakes gestützte Verschwörungstheorien auftauchten. Dass von Seiten der Presse und den Behörden vieles nicht richtig gehandhabt wurde, war klar.
Besonders in den USA mischte sich das auch noch in die allgemeine Stimmungsmache gegen vermeintliche Fake News. Für viele Hunderttausende oder sogar Millionen Nutzer wurde ein guter Deepfake, der jeglicher Logik widersprach, damit einmal viel glaubhafter als ein journalistischer Bericht. An Skeptiker zu appellieren war in diesem Fall besonders schwierig, weil die Skepsis an der Vergangenheit nicht unberechtigt war. Aber man sollte bei solchen Sachen ganz genau prüfen, was man sich da anschaut.
Quellen prüfen, schauen, wo die Infos herkommen und ob das, was man sieht, in irgendeiner Form plausibel ist. Das galt immer, aber ganz besonders in diesem Fall. Es blieb abzuwarten, wie es in diesem Fall und mit Ghislaine Maxwell wohl weitergehen würde. Derzeit konnte man vor allem politisch kaum abschätzen, was als nächstes passieren würde.
Unabhängig davon, was kommen mochte, war es für die Betroffenen ein wichtiger Schritt, dass eine Mittäterin von Epstein juristisch belangt wurde und dass so den Betroffenen zugestanden wurde, was sie erlebt hatten.
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