Der Mai zeigte uns die kalte Schulter. Draußen im Garten stand ich im Wind, die Hände in den Taschen vergraben, und konnte es kaum fassen, wie unfreundlich es war. Erst der Dauerregen, jetzt diese Kühle, die sich anfühlte wie Anfang April. Und genau das hatte natürlich Folgen.

Für unsere Pläne. Für die Pflanzen. Für alles. Was mich in diesen nassen Tagen am meisten beschäftigte, war das leise, unheimliche Rascheln unter den Blättern.
Die Schnecken. Sie liebten dieses Wetter. Bei der Feuchtigkeit wurden sie schneller, hungriger, dreister als sonst. Es war ein täglicher Kampf, und wer einmal nachließ, konnte seine Setzlinge abschreiben.
Meine bewährtesten Hausmittel hatte ich längst parat, aber entscheidend war: dranbleiben. Jeden einzelnen Tag. Als es endlich trocken wurde, ging ich zur Anzucht. Zwei wunderschöne essbare Blüten standen da – zwei Schwestern, die gegensätzlicher nicht sein konnten.
Die klassische Cosmea, weiß-rosa, feingliedrig, fast zart, hatte die Kälte einfach weggesteckt. Ihre Platte stand die ganze Zeit draußen, und sie war trotzdem zuverlässig aufgegangen. Kein Problem. Ihre Namensschwester in Orange dagegen hatte gestreikt.
Kein einziges Keimling war zu sehen. Also hatte ich ihre Platte ins Gewächshaus geräumt – und kaum wurde es wärmer, kam Leben in die Sache. Eine brauchte nichts, die andere ein bisschen Wärme. Zwei so ähnliche Namen, zwei so verschiedene Ansprüche.
Viel heikler wurde es bei den Bohnen. Ich hatte die Borlotti-Bohnen in Töpfen vorgezogen, vier Samenkörner pro Gefäß, und sie waren zusammengewachsen zu einem kräftigen Büschel. Eine prima Sache, wenn man den Vorsprung nutzen wollte. Aber wer jetzt draußen Bohnen in den Boden legte, machte einen Fehler.
Der Boden war zu kalt, zu nass. Die Samen würden nicht keimen, sie würden faulen. Dasselbe galt für den Mais. Auch er ließ sich wunderbar vorziehen und belohnte einen später mit gleichmäßigen, kräftigen Pflanzen.
Ich musste meine Ungeduld im Zaum halten. Ein, zwei warme Tage reichten nicht, um ein ganzes Beet aufzuheizen. Die Bohnen würden Ende Mai oder Anfang Juni in die Erde kommen, je nachdem, was das Wetter zuließ. Bis dahin hieß es üben in Geduld.
Überall in den Kalendern stand: Warte auf die Eisheiligen. Ein guter Richtwert, keine Frage. Aber der Blick aus dem Fenster war wichtiger als jedes Datum. Was nützte es, die Gurken und Zucchini rauszustellen, wenn es nachts unter fünf Grad kalt wurde?
Was gewann ich, wenn ich Tomaten, Paprika und Kohl in die Kälte setzte, wo sie nicht wachsen, sondern nur Schaden nehmen würden? Lieber ein oder zwei Wochen warten, dachte ich. Die Pflanzen bedanken sich mit üppigem Wachstum, wenn der Boden wirklich warm ist. Unsere Gurken und Zucchini standen also noch im Gewächshaus.
Wenn die Temperaturen nachts zu stark fielen, trugen wir sie wieder hinein. Die Tomaten und Paprika im Tunnel waren etwas anderes. Die hatten wir geschützt gepflanzt, und sobald die Sonne schien, heizte sich der Tunnel auf. Da klappte es.
Aber die Tomaten im Kübel an der Hauswand? Auch das war nur halber Schutz. Auch da hieß es warten. Dann aber der Moment, auf den ich mich freute.
Die Kohlpflanzen. Sie ließen sich von der Kälte überhaupt nicht beeindrucken. In den Anzuchtschalen standen die ersten Keimlinge, und zwei von ihnen sollten heute umziehen: der Rosenkohl und der späte Winterwirsing. Für mich eine wichtige Erinnerung: Wer diesen Winter ernten wollte, musste jetzt im Mai säen.
Das war die letzte Eisenbahn. Wer zu spät kam, dessen Kohl würde nicht mehr in die Entwicklung kommen – und die Ernte blieb aus. Ich holte die Multitopfplatte mit den größeren Töpfchen, machte mit dem Pikierholz kleine Löcher in die Erde. Dann nahm ich einen Rosenkohlkeimling, löste ihn vorsichtig mit dem Stäbchen, fasste ihn an den Blättern an und setzte ihn ein – bis genau zu dem Punkt, wo sich die Blätter verzweigten.
Ganz sanft andrücken. Angießen. Beschriften. Jede Pflanze bekam ihr eigenes Zimmerchen.
Es dauerte nicht lang, und die Platte war gefüllt. Beim Angießen gab es eine Extraportion: den Gartenbodenaktivator. Kein Dünger, sondern Mikroorganismen, die das Bodenleben ankurbelten und Nährstoffe verfügbar machten. Dreimal pro Kulturzeit verwende ich ihn: beim Pikieren, beim Auspflanzen, und dann noch einmal im Sommer.
Öfter geht auch, schaden tut es nicht. Aber dreimal reicht. Die Platten kamen nach draußen, direkt vor die Tür. Dort sollten die Rosenkohlpflänzchen drei bis vier Wochen anwachsen, bis sie bereit waren für das Beet.
Dasselbe machte ich mit dem Winterwirsing, den ich als Nächstes pikierte. Es war ein vertrautes Ritual, die Hände in der Erde, das zarte Wurzelsystem, das sich in sein neues Zuhause schob. Jede Pflanze spürte ich einzeln, jede bekam ihre Chance. Als ich den Winterwirsing in meinen Händen hielt, dachte ich an den frühen Wirsing, den ich vorhin aus dem Geodom geerntet hatte.
Die meisten stellen sich unter Wirsing große, feste Köpfe vor, die in Rahmsoße auf den Teller wandern. Der frühe Wirsing ist anders. Lockerer, fluffiger, trotzdem knackig, trotzdem voller Geschmack. Gestern Abend hatte ich ihn kurz durch die Pfanne gezogen: Zwiebeln angeschwitzt, Knoblauch dazu, dann den Wirsing.
Ein Gedicht, sage ich euch. Dünn geschnitten geht er aber auch als Salat, als Beilage für gefüllte Brötchen, roh oder leicht angezogen. Ich liebe ihn einfach. Daneben in der Anzucht wartete noch die Wintererbse, das Schildchen blieb draußen stehen, und ich zeigte gern, wie weit sie schon war.
Ein Blick in die nächsten Wochen. Und dann die Steckrübe. Ja, wer hätte gedacht, sie gehört zum Kohl – nämlich zu den Kreuzblütlern. Beim Fruchtwechsel musste man also aufpassen.
Auch sie musste noch pikiert werden. Dazu gesellte sich der rote Spitzkohl, locker im Kopf und hervorragend als Rohkost. Wer jetzt noch Blumenkohl oder Brokkoli aussäen wollte, konnte das ebenfalls tun. Platz genug für die nächste Runde.
Was die Sache mit Palmkohl und Grünkohl anging, galt dasselbe wie bei den Zwiebeln: Man kann sie in jedem Stadium essen. Ob sie riesig werden oder klein bleiben – am Ende landet beides auf dem Teller. Anders als beim Blumenkohl oder Rosenkohl, die ihre Zeit brauchen, bis sich richtig etwas entwickelt hat. Bei Palmkohl und Grünkohl gab es dafür eine klare Ansage: säen im April, im Mai, notfalls Anfang Juni.
Danach wird es eng. Ich räumte den Winterwirsing zur Seite und holte meine Aussattschälchen, gefüllt mit Anzuchterde. Mit dem Pikierholz drückte ich kleine Löcher vor, damit das spätere Pikieren einfacher wurde. Beschriften.
Dann die Samen. Der Palmkohl und der Grünkohl durften jetzt fröhlich keimen, draußen natürlich, ausgesetzt, abgehärtet. Später würden sie pikiert, weitergezogen und an einen sonnigen Platz gesetzt, wo sie den Sommer über wachsen und im Winter geerntet werden. Dann kam mein Lieblingsteil des Tages: die monatliche Salatplatte.
Rote Eichblattsalate, Batavia, und noch mehr Eichblatt. Ich holte eine Multitopfplatte mit fünfunddreißig Pöttchen und mischte die Sorten, wie es mir gefiel. Bunt durfte es sein. Beschriftet habe ich sie nicht.
Ich lasse sie einfach keimen und freue mich auf die Überraschung im Beet. Dabei fiel mir immer wieder ein Fehler auf, den so viele beim Salat machen: Sie geben nur ein Samenkorn ins Töpfchen. Nicht jedes Korn keimt, das bekommt man von der Reinigung her einfach nicht hin. Deshalb nehme ich eine kleine Prise Samen pro Pöttchen.
Wenn dann mehr Pflänzchen aufgehen, kann man sie später teilen oder pikieren. Aber erst einmal gar nichts zu haben – das wäre schade um die Mühe und um den Platz. Salat ist außerdem ein Lichtkeimer. Ich goss die Platte vorsichtig an, die feine Erde schloss sich um die Körner, mehr brauchte es nicht.
Alternativ hätte ich hauchzart gesiebte Erde darüber geben können, aber so war es gut. Jetzt musste sie bloß feucht bleiben. Und bei dem aktuellen Wetter kein Problem – aber wehe, die Sonne kam zurück. Dann durfte die Platte nicht in der vollen Hitze stehen, sonst trocknete sie aus und wurde zu warm.
Dann war die ganze Mühe vergebens. Und genau dieses Wetter brachte mich zum Nachdenken. Ich weiß, viele schauen auf ihre Beete und bekommen ein flaues Gefühl. Letztes Jahr war alles weiter, alles größer, alles besser.
Aber davon durfte man sich nicht stressen lassen. Der Mai ist erst der Anfang, im Juni kann man noch jede Menge aussäen. Alles ein bisschen später, kein Problem. Die Pflanzen holen das locker auf.
Wenn es warm wird, geben sie richtig Gas. Ich stellte die Salatplatte zu den anderen, schaute über das bunte Durcheinander aus Kohl, Salat, Kräutern und Blumen. Alles stand da, geduldig, im kühlen Wind, und wartete auf seinen Moment. Der Winter kommt bestimmt, und bis dahin liegt noch ein ganzer Sommer voller Gemüse vor uns.
Draußen, im Garten. Man muss ihm nur ein bisschen Zeit geben.


