Der Fall der neunjährigen Peggy Knobloch, die am 7. Mai 2001 in Lichtenberg bei Hof spurlos verschwand, bleibt mehr als zwei Jahrzehnte später eines der rätselhaftesten und erschütterndsten Kriminaldramen Deutschlands. Eine neue Dokumentation aus dem Jahr 2021 zeichnet nun die erschreckende Chronologie des Verschwindens und der gescheiterten Ermittlungen nach.

Das kleine Mädchen, das am 6. April 1992 in Bayreuth geboren wurde, war das erste Kind von Susanne Knobloch und Mario Schwenk. Die Beziehung der jungen Eltern hielt nicht lange, und nach mehreren Stationen, darunter Eckental und Schwanewede bei Bremen, zog Susanne mit Peggy zurück in ihre Heimat nach Halle.
Dort lernte sie den späteren Stiefvater von Peggy kennen, mit dem sie eine neue Beziehung einging. Die Familie ließ sich schließlich in Lichtenberg auf dem Marktplatz 8 nieder.
Peggy war ein aufgewecktes, freundliches Kind, das in dem überschaubaren Ort schnell Anschluss fand. Jeder kannte sie, jeder liebte sie. Doch bereits ein Jahr vor ihrem Verschwinden zeigte das Mädchen auffällige Verhaltensänderungen.
Sie wurde stiller, zog sich zurück, nässte sich ein und hatte blaue Flecken am Körper. Die Schule, in der sie anfangs eine gute Schülerin war, wurde zur Qual. Sie war unkonzentriert, vergaß Hausaufgaben und wirkte oft abwesend.
Am Morgen des 7. Mai 2001 wollte Peggy die Wohnung nicht verlassen, doch nach Überredungskünsten ihrer Mutter machte sie sich um kurz nach halb acht auf den Weg zur Schule. Sie kaufte sich unterwegs eine Käse Stange und Süßigkeiten, schaffte es aber dennoch rechtzeitig zum Unterrichtsbeginn um 7.
57 Uhr. Nach dem Schulende um 12. 50 Uhr bemerkte sie, dass sie ihren Geldbeutel vergessen hatte, kehrte um und fand ihn unter dem Tisch im Klassenzimmer.
Um 13. 05 Uhr machte sie sich mit einer Freundin auf den Heimweg.
Die Freundinnen machten an einem Kaugummiautomaten Halt und wurden dort von einem Mitschüler gesehen. Gegen 13. 15 Uhr kamen sie am Haus einer weiteren Mitschülerin vorbei, wo sie von deren Schwester am Gartentor gesehen wurden.
Auf der Nauener Straße in Richtung Stadtmitte erkannte eine Zeugin Peggy an ihrer Frisur, dem pinken Schulranzen und dem Diddl Maus Anhänger. Am Henry-Maske-Platz trennten sich die Wege der beiden Freundinnen, und Peggy machte sich allein auf den Weg zur elterlichen Wohnung, die nur noch 200 Meter entfernt lag.
Um 13. 24 Uhr wurde Peggy das letzte Mal nachweislich gesehen. Eine Mitschülerin sah sie vom Schulbus aus, wie sie in Richtung Zuhause lief.
Doch ab der Kurve, die zum Marktplatz führt, verliert sich jede Spur. Keiner weiß, was auf diesen letzten 200 Metern geschah. Als Susanne Knobloch gegen 20.
15 Uhr von der Arbeit nach Hause kam, war die Wohnung dunkel und leer. Peggys Schuhe und Schulranzen fehlten, der Schlüssel steckte nicht wie sonst von innen. Die Wohnung wirkte unberührt.
Susanne alarmierte um 21. 56 Uhr die Polizei.
Die sofort eingeleitete Suche gestaltete sich schwierig. Die Polizei durchkämmte die Umgebung, setzte Hubschrauber und Wärmebildkameras ein, doch ohne Erfolg. Es schien, als wäre Peggy vom Erdboden verschluckt worden.
Die Ermittlungen führten sogar ins Ausland, nach Tschechien und in die Türkei, doch trotz einer Belohnung von 55. 000 DM fand man keine stichfesten Beweise.
Im Laufe der Jahre gab es zahlreiche Verdächtige, darunter den 24-jährigen Ulvi K. , der aufgrund einer Hirnhautentzündung geistig behindert war und sich in der Vergangenheit vor Kindern entblößt hatte. Nach einem Geständnis unter fragwürdigen Umständen wurde er 2004 zu lebenslanger Haft verurteilt.
Doch das Geständnis war nicht haltbar, und 2014 wurde das Urteil aufgehoben. Ulvi K. kam 2015 frei.
Die Leiche von Peggy wurde erst am 2. Juli 2016 von einem Pilzsammler in einem Waldstück bei Rodacher Brunnen in Thüringen gefunden, etwa zwölf Kilometer Luftlinie von Lichtenberg entfernt. Der Fundort war bereits 2001 von der Polizei mit Infrarot und Wärmebildkameras abgesucht worden.
Die Obduktion ergab, dass Peggy höchstwahrscheinlich am 7. Mai 2001 eines nicht natürlichen Todes gestorben und nachträglich an den Fundort gebracht worden war.
Die Dokumentation aus dem Jahr 2021, die auf einem umfassenden Videotranskript basiert, offenbart ein erschreckendes Bild von behördlichem Versagen. Die Polizei schoss sich zu früh auf einen Hauptverdächtigen ein, ignorierte zahlreiche Zeugenaussagen und Hinweise, die auf andere Täter hindeuteten. Der Medienrummel setzte die Behörden so unter Druck, dass sie nachlässig arbeiteten und Ergebnisse erzwingen wollten, die nicht haltbar waren.
Der Fall Peggy Knobloch bleibt ein Cold Case. Der Mörder ist nach wie vor auf freiem Fuß. Die Dokumentation endet mit der bitteren Erkenntnis, dass dieser Fall nicht nur für die Angehörigen eine Tragödie ist, sondern auch ein Mahnmal für die Fehler und Versäumnisse der deutschen Justiz und Polizei.
Es ist ein Fall, der uns alle zum Nachdenken anregen sollte, wie wir als Gesellschaft mit solchen Tragödien umgehen und wie wichtig es ist, niemals vorschnelle Urteile zu fällen.


