Als die 10-jährige Mirko Schlitter an einem Septemberabend nicht nach Hause kommt, ist das Schlimmste, was Eltern passieren kann, noch nicht absehbar. Die Mutter Sandra ist zunächst nur besorgt, als der Junge gegen 21 Uhr noch nicht von seinen Freunden zurückgekehrt ist. Sie ruft bei der Mutter eines Freundes an, die bestätigt, dass Mirko sich bereits vor einer halben Stunde auf den Heimweg gemacht hat.

Die 5 Kilometer von Ödt nach Grefrad sollte der Fünftklässler mit dem Fahrrad in 15 Minuten zurücklegen. Doch der Junge kommt nie zu Hause an.
Die Spurensuche beginnt mit einem schrecklichen Fund: Am Samstagmorgen entdeckt ein Passant Mirkos Fahrrad an der Mühlhausener Straße in Grefrad. Wenige Stunden später wird der Junge noch immer vermisst. Die Polizei wird alarmiert, und die Sonderkommission Mirko wird ins Leben gerufen.
Der ehemalige LKA-Beamte Ingo Tiel übernimmt die Leitung der Ermittlungen. “Wir müssen den Jungen finden, und zwar mit allen Mitteln, die wir haben”, sagt er in der Zentrale in Frankfurt. 300 Beamte sind sofort im Einsatz, durchsuchen die Gegend um Grefrad, Landstraßen, Brücken und Radwege.
Die Ermittler stehen vor einer schwierigen Aufgabe. Der kleine Mirko ist nicht weggelaufen, davon sind die Eltern überzeugt. Er ist ein fröhlicher, lebenslustiger Junge, der Fußball spielt, reitet und Treckermodelle sammelt.
Später will er Landwirt werden. Die Eltern, Sandra und Reinhard, sind verzweifelt, aber sie bleiben gefasst. “Wir müssen funktionieren, wir haben noch drei Kinder”, sagt die Mutter.
Die Polizei setzt alles daran, den Jungen zu finden, und die Öffentlichkeit wird eingeschaltet.
Ein entscheidender Durchbruch kommt durch zwei Zeugen, die in der Sendung “Aktenzeichen XY” berichten. Sie haben am Tatort einen Passat Kombi B6 gesehen, der neben dem flackernden Fahrradlicht stand. Die Zeugen sind sich sicher: Es war ein Passat, die Heckleuchten seien unverwechselbar.
Die Polizei wendet sich an Volkswagen, der Hersteller bestätigt, dass 155. 000 Fahrzeuge dieser Baureihe hergestellt wurden. Die Liste der Halter wird angefordert.
Doch der Fall nimmt eine dramatische Wende. Am 15. September, zwei Wochen nach dem Verschwinden, finden die Ermittler im Rahmen der Spurensuche blutverschmierte Kleidungsstücke von Mirko: eine Hose, Socken, ein T-Shirt, einen Puma-Sneaker und seine Boxershorts.
“Wenn der intimste Kleidungsstück eines zehnjährigen Jungen gefunden wird, muss man kein Kriminalist sein, um zu wissen, dass ein Tötungsdelikt im Raum steht”, sagt ein Ermittler. Die DNA-Analyse bestätigt: Es handelt sich um Mirkos Blut.
Die Sonderkommission arbeitet fieberhaft. Die Beamten sind überzeugt, dass der Täter aus der Region kommt. Die Kleidungsstücke wurden entlang der Straße gefunden, als ob der Täter sie in Panik aus dem Fenster geworfen hat.
Profiler vermuten, dass der Täter nicht allein lebt, vielleicht eine Familie hat. Die Suche wird intensiviert. Die Bundeswehr wird eingesetzt, Tornados mit Wärmebildkameras überfliegen das Suchgebiet.
Hotspots werden entdeckt, aber es sind nur sonnengewärmte Hochsitze oder vergrabene Tierleichen. Der Junge bleibt verschwunden.
Am 23. September erhalten die Ermittler einen entscheidenden Hinweis: Ein Arzt, der die Sendung “Aktenzeichen XY” gesehen hat, meldet sich. Er hat einen Patienten in Behandlung, der sich auffällig verhalten hat.
Der Mann fährt einen Passat Kombi. Die Polizei überprüft den Wagen und findet Blut im Kofferraum. Die DNA-Analyse ergibt jedoch, dass es nicht Mirkos Blut ist, sondern das des Fahrers.
Der Verdacht verfliegt.
Die Zeit drängt. Ingo Tiel ist verzweifelt. “Wenn der Täter noch ein Kind entführt, ist die Kacke am dampfen”, sagt er zu seinen Kollegen.
Die Soko setzt auf eine neue Strategie: Die Eltern sollen sich in der Öffentlichkeit zu Wort melden. Ein Appell an die Bevölkerung, emotional und eindringlich. Die Mutter Sandra tritt vor die Kameras und sagt: “Ich weiß, dass Mirko etwas Schlimmes zugestoßen ist.
Das fühlt eine Mutter. Gib uns bitte unser Kind zurück oder sage, wo wir ihn finden können.” Die Sendung wird ausgestrahlt, und die Telefone stehen nicht mehr still.
Unter den zahlreichen Anrufen ist einer besonders wichtig: Eine Nonne aus der Abtei Mariendongk berichtet, in der Nacht der Entführung einen Schrei gehört zu haben. “Den Schrei eines Kindes, so durchdringend, dass ich ihn nicht vergessen konnte”, sagt sie. Eine weitere Zeugin, die in der Nähe wohnt, bestätigt den Schrei.
Die Polizei überprüft die Angaben, aber die Suche bleibt erfolglos. Selbst eine Professorin für Phonetik wird hinzugezogen, um die Schreie zu lokalisieren. Ohne Erfolg.
Ende Oktober erhalten die Ermittler die lang erwartete Liste von Volkswagen: 155. 000 Fahrgestellnummern. Die Beamten müssen die Autos nach Tatrelevanz einordnen.
Sie nutzen Daten aus Radarfällen, Region und Fahrtwegen. Aus 2500 Fahrzeugen werden Faserproben entnommen und in einem Speziallabor untersucht. Die Arbeit ist mühsam, aber die Ermittler geben nicht auf.
Dann der Durchbruch: Am 14. November findet ein Mitarbeiter der Straßenmeisterei bei Mäharbeiten nahe eines Parkplatzes ein Handy. Es ist definitiv Mirkos Handy.
Die SIM-Karte trägt seinen Namen. Der Fundort passt zur Fluchtroute des Täters. Die Ermittler sind überzeugt: Der Täter hat das Handy aus dem Fenster geworfen, genau wie die Kleidungsstücke.
Die Suche wird intensiviert, aber der Junge bleibt verschwunden.
Die Weihnachtszeit naht, eine emotionale Zeit für die Familie und die Ermittler. Die Eltern besuchen die Soko mit kleinen Geschenken. Ingo Tiel ist tief berührt.
“Die hätten uns besser anschreien können, aber sie haben uns im Inneren berührt”, sagt er später. Die Beamten arbeiten weiter, Tag und Nacht.
Am 15. Januar des folgenden Jahres erhalten die Ermittler endlich den entscheidenden Beweis. Die Mobilfunkdatenanalyse ergibt eine Telefonnummer, die sich genau an die Spur der weggeworfenen Kleider und des Handys schmiegt.
Die Nummer gehört einem Mitarbeiter einer Telefongesellschaft. Der Name wird durch einen richterlichen Beschluss offengelegt: Gert Hansen, 45 Jahre alt, wohnhaft in der Nähe von Grefrad. Er fährt einen Passat Kombi B6, der ihm von der Firma gestellt wurde.
Die Ermittler überprüfen den Wagen, der inzwischen an einen Autohändler in Luxemburg verkauft wurde. Sie überführen ihn nach Düsseldorf und untersuchen ihn gründlich. Die Faserproben aus dem Innenraum werden mit Mirkos Hose verglichen.
Das Ergebnis: Die Fasern stimmen überein. Die DNA-Spuren im Wagen bestätigen den Verdacht. Gert Hansen ist der Täter.
Am 6. Februar erfolgt die Festnahme. Kein SEK, kein großer Auftritt.
Ein Kollege, der in der Nachbarschaft von Hansen wohnt, klingelt an der Tür. “Hallo Gert, das ist mein Kollege Mario Eckerz von der Kripo. Er möchte sich mit dir unterhalten.”
Hansen reagiert zunächst ablehnend. “Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich den Jungen getötet habe”, sagt er. Doch die Beweise sind erdrückend.
Die Vernehmung wird zu einer besonderen Herausforderung. Ingo Tiel und seine Kollegen wählen eine freundliche, nicht konfrontative Strategie. “Wir müssen ihn dazu bringen, uns zu sagen, wo Mirko liegt”, sagt Tiel.
Die Vernehmung dauert neun Tage. Hansen gibt schließlich auf. Er führt die Beamten zu einem abgelegenen Waldstück, wo die Leiche des Jungen liegt.
“146 Tage in der Vegetation”, sagt ein Ermittler. “Das war sehr traurig.”
Das Geständnis ist erschütternd. Hansen berichtet, dass er an dem Abend Ärger im Büro hatte. Er fühlte sich gedemütigt und verletzt.
Als er den Jungen auf dem Fahrrad sah, überfiel ihn eine Wut. “Ich habe ihn vom Rad gezerrt und in mein Auto gezwungen”, sagt er. “Er hat sich gewehrt.
Ich wollte ihn nicht verletzen, aber ich konnte ihn nicht mehr gehen lassen.” Der Junge schrie. Hansen tötete ihn.
“Es war ein kompletter Aussetzer”, sagt der Täter. “Die ganze Sache ist aus dem Ruder gelaufen.”
Die Ermittler sind tief betroffen. “Der Täter hatte keine Vorstrafen, war unauffällig, mitten im Leben stehend”, sagt Kriminalpsychologe Professor Rettenberger. “Er hatte ein enormes Aggressionspotenzial, das sich über lange Zeit aufgestaut hatte.
Der berufliche Druck war nur ein Auslöser.” Die Tat sei ein extremer Fall von Zerstörungswut.
Am 29. September 2011 ergeht das Urteil gegen Gert Hansen. Das Landgericht Krefeld verurteilt ihn zu lebenslanger Haft und stellt die besondere Schwere der Schuld fest.
Das Gericht ist überzeugt, dass Hansen Mirko entführt, missbraucht und ermordet hat. Die Eltern des Jungen können endlich Abschied nehmen. “Es ist schrecklich, dass er tot ist, aber die grausame Zeit der Ungewissheit hat ein Ende”, sagt die Mutter.
Die Soko Mirko wird aufgelöst, aber die Erinnerung an den kleinen Jungen bleibt.
Der Fall Mirko S. ist ein Beispiel für akribische Ermittlungsarbeit, die keine Mühen scheut. Von der ersten Spurensicherung über die Analyse von Tausenden von Fahrzeugen bis hin zur Verwendung von Wärmebildkameras der Bundeswehr.
Die Ermittler haben den Fall gelöst, aber sie können den Jungen nicht zurückbringen. “Wir haben versucht, das Versprechen zu halten, das wir den Eltern gegeben haben”, sagt Ingo Tiel. “Wir haben Mirko zu seiner letzten Ruhe verholfen und der Familie Gewissheit gegeben.”


