„Dein Nougat ist so deutsch wie ich Perser bin”, sagte der alte Mann am Weihnachtsmarkt und schob mir eine Praline über den Tresen. Neben mir wurde meine Oma still – sie hatte mir immer erzählt,…

„Dein Nougat ist so deutsch wie ich Perser bin", sagte der alte Mann am Weihnachtsmarkt und schob mir eine Praline über den Tresen. Neben mir wurde meine Oma still – sie hatte mir immer erzählt,...

Drei Länder behaupten, das Nougat erfunden zu haben. Vier Sprachen beanspruchen den Ursprung des Wortes: Latein, Italienisch, Arabisch, Persisch. Niemand ist sich einig. Und das Produkt selbst ist in Frankreich weiß und luftig, in Italien fest und elfenbeinfarben, in Deutschland dunkelbraun und dicht wie Schokolade.

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Drei verschiedene Süßigkeiten, ein Name. Die falsche Frage ist, welches davon das echte Nougat ist. Die richtige Frage lautet: Wie kommt es, dass eine Süßigkeit, die so tief in der deutschen Weihnachtskultur verwurzelt ist, aus einer Welt stammt, die mit Deutschland nichts zu tun hatte? Die Geschichte beginnt nicht in Montélimar, nicht in Cremona, nicht in Nürnberg.

Sie beginnt in Persien, vor mehr als zweitausend Jahren. In den Küchen der persischen Aristokratie entstand eine Praxis, die die Süßwarengeschichte der Welt verändern sollte. Köche verbanden gemahlene Nüsse mit Honig – manchmal Mandeln, manchmal Pistazien, manchmal Walnüsse. Das Ergebnis war eine süße, nussige Paste, die sich formen, trocknen und aufbewahren ließ.

Eine Süßigkeit, die Wochen überdauerte, die man auf Reisen mitnehmen konnte, die als Geschenk funktionierte. Honig war damals das einzige verfügbare Süßungsmittel, Zuckerrohr kannte man in Persien noch nicht. Dafür gab es Nüsse in Hülle und Fülle. Die Region um das heutige Iran und Afghanistan war für Pistazien berühmt, Mandeln kamen aus Zentralasien, Walnüsse wuchsen entlang der Handelsrouten bis nach China und Indien.

Ein persischer Koch, der diese Zutaten im Mörser zu einer Paste verarbeitete, hatte Zugang zur nussreichsten Küche der damaligen Welt. Die Araber übernahmen diese Praxis und verfeinerten sie im neunten und zehnten Jahrhundert. Während des islamischen Goldenen Zeitalters entwickelten arabische Zuckerbäcker die Konfektherstellung zu einer Wissenschaft. Sie experimentierten mit Zuckerrohr aus Indien.

Sie entdeckten, wie man Eiweiß aufschlägt, um Süßigkeiten Luft zu verleihen. In arabischen Quellen aus dem neunten Jahrhundert taucht ein Produkt namens Natef auf: eine geschlagene Süßware aus Honig, Seifenkraut und Nüssen, leicht und voluminös durch aufgeschlagenes Eiweiß. Wer dieses Natef neben ein modernes Nougat de Montélimar legt, erschrickt, wie ähnlich sie sich sind. Tausend Jahre liegen dazwischen.

Die Grundtechnik ist dieselbe. Das Natef verbreitete sich mit dem Islam nach Nordafrika und Spanien. Von dort trugen Händler und Reisende es in den Rest Europas. Sizilien, jahrhundertelang arabisch geprägt, entwickelte Süßigkeiten aus Mandeln und Honig, die direkte Abkömmlinge dieser Tradition sind.

In Portugal, in Südfrankreich, in Norditalien tauchten die Techniken auf, die venezianische Händler aus dem Orient mitbrachten. Das Europa des Mittelalters war süßwarentechnisch ein Entwicklungsland. Zucker war teuer, Mandeln waren Importware, die Techniken kamen aus dem arabischen Raum. Was Europa hatte, waren Öfen, handwerkliche Tradition – und in bestimmten Regionen einheimische Nüsse.

Darunter die Haselnuss. Und die Haselnuss ist der Schlüssel zur deutschen Geschichte. Mandeln brauchen mediterranes Klima. Die Haselnuss wächst in gemäßigten Breiten, in deutschen Wäldern, an Bachufern, an den Hängen der Mittelgebirge.

Die Römer erwähnten sie in ihren Feldberichten, mittelalterliche Kräuterbücher beschrieben ihre Heilwirkung. Verkohlte Haselnussschalen aus germanischen Siedlungen, über zehntausend Jahre alt, belegen eine der ältesten Mensch-Pflanzen-Beziehungen Nordeuropas. Als im Spätmittelalter die arabisch-spanischen Süßwarenpraktiken die Alpen überquerten, stießen sie auf ein Problem. Mandeln waren teuer und mussten importiert werden.

Wer in Deutschland Nougat herstellen wollte, brauchte Geld – oder eine Alternative. Die Alternative wuchs am Wegrand. Deutsche Zuckerbäcker, besonders in Nürnberg, dem Zentrum des deutschen Süßwarenhandwerks, kreuzten die arabisch-mediterrane Technik mit der heimischen Zutat. Mandeln raus, Haselnüsse rein.

Das Ergebnis war kein weißes, luftiges Konfekt mehr, sondern eine dichte, dunkle, intensiv nussige Masse – die Grundlage dessen, was heute als deutsches Nougat bekannt ist: eine Süßwarenmasse aus mindestens fünfundzwanzig Prozent Haselnüssen, vermischt mit Kakaomasse oder Schokolade. Keine Imitation des Originals. Eine eigenständige Erfindung. Bevor die Geschichte nach Deutschland führt, muss sie nach Cremona gehen.

Im Jahr 1441 heiratete Francesco Sforza, Herzog von Mailand, Bianca Maria Visconti. Die Zuckerbäcker der Stadt Cremona, die das Fest ausrichteten, schufen ein Konfekt, das die Hochzeit in die Geschichte eingehen lassen sollte: das Torrone. Eine weiße, feste Masse aus Honig, Zucker, Eiweiß und Mandeln, geformt in einem langen Rechteck, das der Überlieferung nach dem Torrazzo nachempfunden war, dem Glockenturm des Doms von Cremona. Ob die Legende stimmt, wissen wir nicht.

Belegen lässt sich: Die Technik der kremonesischen Zuckerbäcker entsprach präzise den arabischen Techniken, die über Jahrhunderte nach Norditalien gelangt waren. Das Torrone existiert bis heute, ist durch die Europäische Union geschützt und gilt als eines der ältesten schriftlich belegten Süßwarenrezepte Europas. In Montélimar, einer kleinen Stadt in Südfrankreich, begannen im siebzehnten Jahrhundert die Mandelbäume zu blühen. Olivier de Serres, Landwirtschaftsreformer unter Heinrich IV.

, hatte den Anbau gefördert, um die südlichen Provinzen wirtschaftlich zu stärken. Mit den Mandeln kam das Nougat, das die Region berühmt machen sollte: Nougat de Montélimar, weiß, leicht, mit ganzen Mandeln und Pistazien durchsetzt, in dünne Oblaten gewickelt. Im achtzehnten Jahrhundert wurde es zum Reise-Mitbringsel schlechthin. Die Nationalstraße 7 führte durch Montélimar, und jeder, der von Paris in den Süden fuhr, kaufte Nougat.

Postkutschen hielten, Händler packten Schachteln in die Koffer. Napoleon soll es geliebt haben, Stendhal erwähnte es in seinen Reisenotizen. Im zwanzigsten Jahrhundert, als die Route Nationale 7 zum Urlaubsweg der Franzosen wurde, standen die Autos Schlange vor den Nougatständen – nicht wegen Unfällen, sondern wegen der Süßigkeit. Heute schützt die EU den Namen: mindestens achtundzwanzig Prozent Mandeln und zwei Prozent Pistazien, keine anderen Nüsse, Herstellung in der Region.

Drei Kulturen, drei Interpretationen derselben Grundidee: Nüsse, Zucker, Zeit. Und doch hat keine davon das deutsche Nougat erfunden. Wie kommt es, dass es trotzdem so tief in der deutschen Seele steckt? Die Antwort liegt in einer Institution, die älter ist als das Kaiserreich, älter als der Nationalstaat: der Weihnachtsmarkt.

Der erste urkundlich belegte deutsche Weihnachtsmarkt findet sich in den Akten der Stadt München aus dem Jahr 1390. Nürnberg, das heute den berühmtesten Weihnachtsmarkt der Welt beherbergt, führt seine Tradition bis ins sechzehnte Jahrhundert zurück. Diese Märkte waren keine Vergnügungsveranstaltungen, sondern Wirtschaftsereignisse. Händler aus ganz Europa brachten Gewürze aus dem Orient, Safran, Ingwer, Mandeln aus dem Mittelmeerraum und Zucker, der langsam billiger wurde.

Mit den Zutaten kamen die Techniken. Nürnberger Lebküchner – hochspezialisierte Bäcker mit eigenem Zunftrecht – experimentierten seit dem fünfzehnten Jahrhundert mit Nuss-Zucker-Massen. In ihren Werkstätten entstanden Nussmassen, Nusspralinen und Haselnussgebäck, das sich vom südlichen Konfekt durch den intensiveren, leicht bitteren Geschmack der einheimischen Nuss unterschied. Nürnberg lag an der Kreuzung der Handelswege zwischen Venedig und dem Norden, zwischen dem Rheinland und dem Osten.

Was in den Häfen des Mittelmeers ankam, wurde in Nürnberger Lagerhäusern umgeschlagen. Die Lebküchner entwickelten ein Sortiment, das bis heute Bestand hat: Elisenlebkuchen, Honigkuchen, Nürnberger Schokolade – und die Nussmassen, die im neunzehnten Jahrhundert zur Grundlage des deutschen Nougats wurden. In diesem Jahrhundert gibt es einen Mann, den man nicht übergehen kann. Seinen Namen kennt kaum jemand außerhalb der Süßwarenfachkreise, aber seine Arbeit hat für immer definiert, wie Deutschland Nougat versteht.

Friedrich Hacker war Konditor in Hamburg. In den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts entdeckte er: Geröstete Haselnüsse, fein gemahlen und mit Kakaomasse und Zucker verbunden, ergaben eine Masse, die sich wie Schokolade verarbeiten ließ, aber nach Haselnuss schmeckte – tiefer, komplexer, länger anhaltend. Über Wandergesellen, Rezeptbücher und Messen verbreitete sich die Erkenntnis. Sie erreichte Nürnberg, wo sie auf eine bereits bestehende Tradition der Nusssüßigkeiten traf.

Als die Kakaoverarbeitung industrialisiert wurde und man Kakaobutter von der Kakaomasse zu trennen lernte, entstand ein neues Spielfeld. Kakaobutter, Kakaomasse, gemahlene Haselnüsse – richtig proportioniert, mit Zucker, ergibt das eine cremige, streichfähige Masse, die bei Raumtemperatur fest wird und beim Erwärmen schmilzt. Sie lässt sich gießen, nimmt Formen an, bildet Schichten. Deutsche Konfektionäre entdeckten: Diese Masse eignet sich perfekt als Füllung.

Für Pralinen, bei denen ein Schokoladenmantel eine zarte Nougatseele umschließt. Für Tafeln, bei denen die Nougatschicht im Kontrast zur Bitterschokolade steht. Für Marzipankugeln mit Nougatfüllung. Für eine Weihnachtskonditorei, die in keiner anderen nationalen Backkultur ihresgleichen hat.

So verankerte sich das deutsche Nougat genau dort, wo deutsche Geschmackserinnerungen am stärksten entstehen: in der Vorweihnachtszeit, in der Küche der Großmutter, im Duft von Zimt, Schokolade und Haselnüssen aus dem Backofen, wenn draußen der erste Schnee fällt. Das ist keine Marketingstrategie, sondern kulturelle Verankerung über Generationen. Ernährungswissenschaftler nennen es Geschmacksidentität: die Verbindung zwischen Aroma, Moment und Emotion, die sich in früher Kindheit bildet und ein Leben lang hält. Wer als Kind im Dezember Nougat aß, wird Nougat für immer mit Geborgenheit und Vorfreude verbinden.

Diese Verbindung ist neurobiologisch verankert – stärker als jede Werbung. Die deutsche Industrienorm für Nougat schreibt vor: mindestens fünfundzwanzig Prozent Haselnüsse, verarbeitet mit Zucker und Kakaoprodukten. Sie ist die kodifizierte Form einer Tradition, die einen Rohstoff ins Zentrum stellt, der in Deutschland heimisch ist: die Haselnuss. Wobei „heimisch” heute eine sehr relative Kategorie ist.

Sechzig bis fünfundsiebzig Prozent der weltweit gehandelten Haselnüsse stammen aus der Türkei, aus den Regionen am Schwarzen Meer. Zehntausende Kleinbauern ernten sie im August von Hand, in steilem Gelände, ohne Mechanisierung. Frauen und Männer sammeln die Nüsse in Körbe, Esel und kleine Traktoren bringen sie zu den Sammelstellen. Fällt die Ernte durch Frost oder Dürre schlecht aus, steigen die Preise für Nougat in deutschen Supermärkten.

Ein deutsches Weihnachtsprodukt spürt dann eine Dürre am Schwarzen Meer im Adventskalender. Das ist das verborgene Paradox: Das deutsche Nougat gilt als zutiefst deutsches Produkt. Sein Hauptrohstoff kommt aus der Türkei. Seine Grundtechnik stammt aus dem arabischen Raum, sein Zucker kam über spanisch-arabische Vermittler nach Europa.

Die Kakaomasse, die ihm die dunkle Farbe gibt, kommt aus Ghana, aus der Elfenbeinküste, aus Ecuador. Niemand denkt daran, wenn er eine Praline aus dem Adventskalender zieht. Lebensmittel sind Archive. Sie speichern Handelsrouten, Migrationen, Begegnungen zwischen Kulturen in einer Form, die unverderblicher ist als Pergament.

Eine Süßigkeit überdauert manchmal die Sprachen, die sie beschreiben, die Reiche, die sie handelten, die Menschen, die sie erfanden. Das Nougat ist dreitausend Jahre alt. Das persische Reich existiert nicht mehr. Das arabische Goldene Zeitalter ist Geschichte.

Das Osmanische Reich ist aufgelöst. Das Heilige Römische Reich deutscher Nation gibt es seit zweihundert Jahren nicht mehr. Das Nougat ist noch da. Haselnuss, Kakao, Zucker – dieselbe Kombination, die im neunzehnten Jahrhundert in Nürnberger Konditoreien entstand, steckt heute in Tafeln, Pralinen und Lebkuchen.

Das Grundprinzip ist unverändert. Und das deutsche Nougat hat auf diesem Umweg die Welt erobert, ohne dass sein Name genannt wird. 1965 stellte Pietro Ferrero, Konditor aus Alba im Piemont, ein neues Produkt vor: eine cremige, braune Masse aus Haselnüssen, Kakao, Milch und Zucker – streichfähig, süß, mit intensivem Haselnussgeschmack. Er nannte sie Nutella.

In den Nachkriegsjahren, als Kakao teuer und knapp war, hatte Ferrero mit Haselnuss-Kakaomassen gearbeitet; Haselnüsse wuchsen im Piemont in Hülle und Fülle. Eine regionale Spezialität namens Gianduia kombinierte seit dem neunzehnten Jahrhundert Schokolade mit piemontesischer Haselnussmasse. Ferrero verfeinerte das Prinzip: mehr Haselnuss, weniger Schokolade, Milch für die Cremigkeit. Heute verarbeitet sein Unternehmen jährlich rund 125.

000 Tonnen Haselnüsse – etwa ein Viertel der Welternte – und verkauft Nutella in mehr als 170 Ländern. Nur nennt niemand es deutsches Nougat. In Deutschland wird in Fachkreisen seit Jahren gefragt, ob das deutsche Nougat eine eigene Herkunftsbezeichnung verdient, wie das Nougat de Montélimar oder das Torrone di Cremona. Bisher gibt es sie nicht.

Das deutsche Nougat ist durch die DIN-Norm definiert, aber nicht geographisch geschützt. Es wird überall hergestellt – von Familienunternehmen mit jahrzehntelanger Rezeptur und von multinationalen Konzernen. Was dabei verloren geht, schmeckt man nicht. Das Produkt schmeckt wie vor fünfzig Jahren.

Verloren geht das Wissen darum, was man isst. Die Geschichte, die in jedem Bissen steckt. Wenn ein Kind in Deutschland in der Vorweihnachtszeit eine Nougatpraline isst – den kleinen dunklen, haselnussduftenden Würfel in Goldfolie –, dann isst es zweitausend Jahre Handelsgeschichte. Die persischen Köche, die Honig und Pistazien zusammenrührten.

Die arabischen Zuckerbäcker des Goldenen Zeitalters, die Eiweiß und Nüsse zu einer Kunst machten. Die mittelalterlichen Händler, die Gewürze und Techniken über die Alpen brachten. Die Nürnberger Lebküchner, die aus fremden Zutaten und heimischen Haselnüssen etwas Eigenes machten. Die türkischen Bauern am Schwarzen Meer, die im August auf steilen Hängen Nüsse sammeln.

Die Kakaobauern in Ghana und an der Elfenbeinküste. Wer beim nächsten Weihnachtsmarkt sagt, Nougat sei typisch deutsch, hat nicht Unrecht. Es gehört zur deutschen Weihnachtskultur wie der Christbaum und der Glühwein. Aber es gehört genauso zu Persien, zu den arabischen Zuckerbäckern, zu den venezianischen Händlern, zu den Nürnberger Meistern, zu den türkischen Bauern, ohne die heute keine einzige Nougatpraline in Deutschland existieren würde – und zur Kakaopflanze, die wild in den Regenwäldern Mesoamerikas wuchs, bevor die Europäer sie in die globale Süßwarenökonomie einspannten.

Kultur ist nie allein. Sie ist Konversation – manchmal über Jahrtausende, manchmal in Form einer kleinen, in Goldfolie verpackten Praline, die ein Kind ohne Wissen aus dem Adventskalender zieht. Sie vereint Persien, das arabische Goldene Zeitalter, die Nürnberger Lebküchner und die türkischen Haselnussbauern in einem einzigen Bissen.

Das Nougat ist der süßeste Beweis dafür.