Mein Großvater war ein Mann, der nie ohne Vorrat war. Ich habe ihn nie gefragt, warum. Vorgestern, nach seiner Beerdigung, stand ich in seiner Werkstatt und hörte meine Tante sagen: „Das alte Zeug…

Mein Großvater war ein Mann, der nie ohne Vorrat war. Ich habe ihn nie gefragt, warum. Vorgestern, nach seiner Beerdigung, stand ich in seiner Werkstatt und hörte meine Tante sagen: „Das alte Zeug...

Großvater drehte das Messingrad der Petroleumlampe eine Vierteldrehung, langsam, bedacht. Die gelbe Flamme sank ein und stand dann still als saubere blaue Krone, die die Decke nicht schwärzte. Den Docht hatte er mit gefaltetem Zeitungspapier zugeschnitten, so wie sein Vater es ihm im Hungerwinter 1947 gezeigt hatte, als der Strom im Ruhrgebiet kam und ging wie das Wetter. Fünfzehn solcher Kniffe kannte ich bei ihm.

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Fast alle sind verschwunden. Und der wichtigste – das eine, das er nie jemand anderen anfassen ließ – war das kleine schwarze Notizbuch in der obersten Schublade unter der Werkbank, ganz hinten links, unter einem öligen Lappen. Es lag dort jahrzehntelang. Ich habe es nie aufgeschlagen.

Heute weiß ich: Es war seine ganze Ordnung in Bleistift. Freitags füllte er den Kohlenkasten nach. Unionbriketts von Rheinbraun, ein voller Kasten, drei Tage über dem Bedarf, direkt neben dem Kachelofen, nicht im Keller, nicht in der Garage. Wenn bei den anderen der Strom ausfiel, ging die Heizung mit aus.

Bei ihm nicht. Ich sehe noch den staubigen, trockenen Geruch der Briketts im Treppenhaus, wenn der Kohlenhändler kam, und höre das metallische Kratzen der Schaufel auf dem Blech. Das rote Glimmen durch die Sichtklappe des Küppersbusch, wenn er nachlegte. Eine kalte Wohnung war für einen Mann seiner Generation eine Niederlage.

Er sprach nicht darüber. Wer den Kasten voll hatte, hatte den Kopf frei. Wer ihn leer hatte, saß im Mantel am Küchentisch und rechnete. Unter der Hobelbank stand der Petroleumkocher, ein Dreidocht von Petromax, ein kleines Juwel in einer Blechschachtel, bereit für den Tag, an dem der Herd kalt blieb.

Jahrzehntelang unbenutzt, aber immer da. Ich sehe die Druckpumpe am Messingtank, den leichten Widerstand, das Zischen der Dochte, wenn er endlich brannte; der Petroleumgeruch mischte sich mit Leinöl und Harz. 1972 kostete der Liter an der Aral eine Mark fünfzig. Eine warme Suppe im kalten Haus war für ihn kein Komfort, sondern der Beweis, dass er noch sorgen konnte.

Wenn draußen alles stillstand, brannte in der Werkstatt eine kleine blaue Flamme, daneben ein Topf Linsen. Er kochte nicht viel. Er kochte ehrlich: Kartoffeln, Speck, eine Zwiebel, Salz. Fertig.

Für den Notfall gab es außerdem einen Ofen aus Ton. Ein umgedrehter Blumentopf über vier Teelichtern auf einem Backblech hielt ein kleines Zimmer stundenlang zehn Grad über der Außentemperatur. Der Ton wurde langsam warm, die Flammen standen ruhig. Die Masse speicherte die Wärme und gab sie noch ab, als die Kerzen längst erloschen waren.

Mehr brauchte er nicht: einen Blumentopf aus dem Garten, ein Backblech aus der Küche, vier Kerzen aus der Schublade. Im Keller stand ein ganzes Regal mit Weckgläsern. Grüne Bohnen, Rotkohl, Pflaumenmus, Sauerkirschen, im August eingekocht, damit die Familie durch den Winter kam, auch wenn der Kühlschrank stillstand. Die kühle Kellerluft, das dumpfe Ping der Glasdeckel, wenn das Vakuum saß, der große Einkochtopf auf dem Kohleherd, sechs Stunden bei neunzig Grad.

Ein voller Keller war eine stille Form von Mut. Die Frauen kochten ein, die Männer bauten die Regale, die alles trugen. Heute steht in demselben Keller ein Sixpack Mineralwasser und ein leerer Karton. Das hätte man früher nicht hingenommen.

In dieser Küche wurde nichts weggeworfen. Aus dem Rindertalg vom Sonntagsbraten goss Großmutter Lichter in leere Marmeladengläser; ein solches Licht brannte zwölf Stunden und kostete nichts. Das Fett vom Braten wurde Licht, das Knochenmark wurde Suppe, die Suppe wurde Sonntagabend. Ganz hinten im Vorratsschrank lagen Knorr-Erbswurst in den gelben Wickeln, Wasa-Knäckebrot, Bärenmarke-Dosenmilch, Corned Beef in eckigen Dosen, alles nach dem Zehn-Tage-Vorrat.

Daneben lag der kleine Dosenöffner in einer eigenen Schublade. Das Wort Krise sagte er nie. Er füllte nach, was verbraucht war, und trug das Datum in sein Notizbuch ein. Sein Enkel bestellt heute am Freitag beim Lieferdienst und rechnet nicht damit, dass der Freitag ausfallen könnte.

Samstags schraubte Großvater den Fleischwolf an den Küchentisch. Ein gusseiserner, dunkelgrün lackiert, der Holzstößel mit der glattgeriebenen Kuhle, in der tausendmal seine Handfläche gesessen hatte. Er machte sein Hackfleisch selbst, weil er wusste, welches Stück Rind er beim Metzger gekauft hatte und was in der Schüssel lag. Das zählte mehr als die Ersparnis.

Die Lochscheibe wechselte er, je nachdem ob Frikadellen oder Wurst daraus wurden. In der Speisekammer stand ein Weckglas voller Sturmstreichhölzer aus der Zündwarenfabrik Riesa, im Deckel ein Stück Schmirgelpapier als Reibfläche, damit sie auch nach zehn Jahren im Keller noch zündeten. Nie feucht werden lassen. Nie die letzte Schachtel anbrechen, bevor nicht eine neue offen war.

Ein Mann, der kein Feuer machen konnte, war für die Generation vor uns keiner. Neben dem Sicherungskasten lag in einer Blechdose die Karbidlampe von Friemann & Wolf, noch funktionstüchtig, aus seiner Zeit auf der Zeche. Der scharfe Knoblauchgeruch des feuchten Karbids, den man nie wieder vergisst; die weiße Flamme, doppelt so hell wie jede Kerze; der kleine Messingreflektor, der das Licht in den Raum warf. Den Brenner reinigte er mit einer feinen Nadel, die er extra dafür aufhob.

Die Bergmänner haben Licht aus der Erde geholt. Ihre Enkel lassen das Licht ausgehen und rufen bei der Stadt an. Auf dem Wohnzimmerschrank stand ein alter Volksempfänger, bereit für den Tag, an dem das Netz wegbricht und keiner mehr Bescheid weiß. Das trockene Klicken der Bakelitskala, das warme Rauschen der Kurzwelle, die tiefe Stimme aus dem Deutschlandfunk, die sich durch das Rauschen schob.

Er drehte den Knopf langsam mit einem Finger, wie ein Uhrmacher. Er wollte Bescheid wissen. Ein Mann, der nicht wusste, was draußen los war, konnte die Seinen in seiner Küche nicht schützen. Eine simple Rechnung.

Im Bad stand der blaue Zwanzig-Liter-Kanister, nach Empfehlung des Bundesamts für Bevölkerungsschutz, alle sechs Wochen frisch nachgefüllt, einer pro Kopf. Der dumpfe Plastikklang, wenn er ihn hob, das Gewicht in beiden Händen, und sonntags morgens der leichte Chlorgeschmack, wenn er probierte, ob das Wasser noch gut war. Er nannte das nicht Preppen. Er nannte das Ordnung.

Und wer den Unterschied nicht mehr kennt, hat einen Teil dieser Generation verloren. Den Rest des Wassers holte er sich selbst. Aus zwei gestapelten Eimern baute er einen Filter: oben grober Kies, darunter feiner Sand, darunter zerstoßene Holzkohle aus dem Herd. Es tropfte geduldig von oben nach unten und stand nach ein paar Stunden klar im unteren Eimer.

Den Weg zum nächsten Bach war er einmal bei Regen mit leerem Eimer abgegangen, damit er wusste, wie lange es dauert: vierzig Minuten hin, fünfzig zurück, weil der volle Eimer schwerer war. In der Kleingartenparzelle stand die gusseiserne Schwengelpumpe, zwölf Meter tief, die sein Vater in den fünfziger Jahren selbst gegraben hatte. Der kalte, taunasse Griff am frühen Morgen, drei, vier trockene Hübe, das Gurgeln in der Röhre, dann der schwere Schwall Grundwasser in den Zinkeimer. Der Verband erlaubt solche Pumpen bis heute, aber niemand baut sie ein, weil niemand mehr weiß, wie.

Solange die Pumpe lief, hatte die Familie Wasser. Jedes Frühjahr fettete er die Dichtungen. Es war keine Aufgabe, es war Frühling. In der Garage stand das kleine Dieselaggregat, dunkelgrün, mit rotem Aufkleber am Tank, daneben zwanzig Liter Diesel im Sicherheitskanister.

Der Seilzug, den man mit einem Ruck ziehen musste, dann das tiefe, ruhige Tuckern, ein Geräusch wie ein alter Traktor am Feldrand. Einmal im Monat startete er es, immer am ersten Samstag, immer nach dem Frühstück. Er kaufte es nicht aus Angst, sondern weil Ordnung Vorbereitung bedeutete. Das Kabel zum Sicherungskasten hatte er selbst verlegt, mit einem Umschalter, damit nichts ins öffentliche Netz zurückspeiste.

Er wusste, warum das wichtig war. Deutschland war einmal ein Land voller Männer, die drei Tage ohne Strom nicht als Katastrophe verstanden, sondern als Sonntag mit Petroleumlicht. Heute hat der Zentralverband des Deutschen Handwerks in Zahlen gefasst, was verloren ging. Seit dem Jahr 2000 haben mehr als hunderttausend Handwerksbetriebe zugemacht.

Bäcker, Schuster, Schlosser, Kürschner, Uhrmacher, Instrumentenbauer. Nicht, weil die Kundschaft fehlte, sondern weil keine Meister da waren, die den Betrieb übernahmen. Der Enkel des Bäckers wollte etwas Sauberes, etwas mit Büro. Heute ruft derselbe Enkel den Schlüsseldienst für eine klemmende Wohnungstür an und zahlt hundertachtzig Euro, weil er nicht weiß, wo man das Öl hineintropft.

Irgendwo im Ruhrgebiet hängt an einem Haken noch Großvaters Kohleschaufel, unter einer Staubschicht, unter der man ihre Umrisse gerade noch erkennt. Das ist keine Klage. Es ist eine Bestandsaufnahme. Und dann ist da das Notizbuch.

Ein ledergebundenes Buch im Taschenformat, in der obersten Schublade, ganz hinten links, unter einem Lappen. Darin stand alles: jede Notprozedur, jedes Rotationsdatum für Kanister, Batterien und Vorratsschrank, jede Nummer und Adresse, die man im Ernstfall anrufen sollte, jede Wasserquelle im Umkreis von fünf Kilometern, gezeichnet auf einer gefalteten Karte, und zu jedem Werkzeug in der Werkstatt der passende Diagnoseschritt. Alles in seiner Handschrift, enge Bleistift-Großbuchstaben. Nie mit Tinte, weil Tinte verblasst und Bleistift nicht.

Fünfzig Jahre lang gepflegt, ergänzt, korrigiert. Der Einband war weich und glatt geworden, die Seitenränder vergilbt, und das Papier roch nach alter Zeit und ein wenig nach Werkstattöl. Er ließ niemanden an dieses Buch. Es ging nicht um Geheimnis.

Es war das ganze System, und nur er wusste, was jede Notiz bedeutete. Das kleine schwarze Buch war seine Werkstatt in Buchform, sein ganzes Wissen in Bleistift. Es liegt heute in einer Schublade, die keiner mehr aufmacht. Ein Haus läuft, solange der Mann läuft, der es am Laufen hält.

Wenn er geht, geht die Ordnung mit – es sei denn, es hat jemand aufgeschrieben, was er wusste. Bei Großvater hatte einer aufgeschrieben. Fünfzig Jahre Bleistift. Und heute versteht keiner mehr, was in dem Buch steht, weil keiner mehr die Werkzeuge kennt, von denen es handelt.

Die Werkstatt steht leer. Auf dem Werkzeugbrett sind die Umrisse der Feilen und der Zange mit Bleistift nachgezogen, damit man sofort sah, was fehlte. Heute fehlt alles.