Was passiert mit einer Sherman-Besatzung nach einem Treffer?

Was passiert mit einer Sherman-Besatzung nach einem Treffer?

Die grausame Wahrheit über das Schicksal der Besatzungen brennender Sherman-Panzer im Zweiten Weltkrieg wird nun in neuem Licht enthüllt – und sie ist weitaus erschreckender, als die meisten Historienfilme je gezeigt haben.

Die Mythen um den amerikanischen Kampfpanzer M4 Sherman sind zahlreich: Er brannte wie Zunder, seine Besatzungen waren dem Tod geweiht. Doch was genau geschah in den Sekunden nach einem Treffer? Welche Qualen erlitten die Männer, die in diesen stählernen Särgen eingeschlossen waren?

Neue Analysen von Militärhistorikern und überlebenden Veteranen zeichnen ein Bild des Grauens, das selbst erfahrene Kriegsberichterstatter erschaudern lässt.

Um das Ausmaß der Katastrophe zu verstehen, muss man die Entstehungsgeschichte des Shermans kennen. Nach dem Ersten Weltkrieg lag die amerikanische Panzerentwicklung brach. Erst mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erkannte Washington die Dringlichkeit.

Der Sherman wurde 1941 in aller Eile entwickelt – eine Notlösung, die auf dem Fahrgestell des M3 Lee basierte. Dieser Vorgänger war bereits eine seltsame Konstruktion: eine 75-mm-Kanone in einem seitlichen Kasemattaufbau, kombiniert mit einem veralteten 37-mm-Geschütz in einem Drehturm.

Der Sherman übernahm die zuverlässige Mechanik, aber auch die fatalen Schwächen. Die ersten Modelle verwendeten genietete Panzerung. Jeder Treffer, selbst wenn er nicht durchschlug, konnte Nieten lösen, die im Innenraum zu hypersonischen Geschossen wurden.

Viele Besatzungen erlebten diese tödliche Splitterwirkung am eigenen Leib.

Doch das größte Problem war die Munitionslagerung. Die Granaten für die 75-mm-Kanone wurden in offenen Gestellen in den Seitenwannen des Rumpfes gestapelt – genau dort, wo feindliche Geschosse am häufigsten trafen. Bei einem Durchschuss entzündeten sich die Treibladungen sofort.

Der Sherman verwandelte sich in einen flammenden Inferno, weshalb er bei den Briten den Spitznamen „Tommy Cooker“ erhielt.

Die Statistiken sind erschütternd: Bei den ersten Einsätzen in Nordafrika 1942 brannten 70 bis 80 Prozent aller getroffenen Shermans aus. Die Besatzungen hatten kaum eine Chance. Erst die Einführung der sogenannten Nasslagerung – wasser-glykol-gefüllte Behälter, die Brände löschen oder zumindest verzögern sollten – senkte die Brandrate auf 10 bis 15 Prozent.

Doch für die Männer, die 1942 und 1943 kämpften, kam diese Verbesserung zu spät.

Ein weiteres Grauen waren die Luken. Die Fahrer und Beifahrer mussten sich durch schmale, rechteckige Öffnungen zwängen. Im Turm gab es nur eine einzige zweiteilige Luke für Kommandanten, Richtschützen und Ladeschützen.

Bei einem Treffer, der Rauch und Flammen in den Turm trieb, mussten drei Männer durch eine enge Öffnung fliehen – oft unter panischen Bedingungen. Ein Veteran berichtete, wie sein Richtschütze und Kommandant sofort getötet wurden und ihre Leichen den Ausgang blockierten. Nur durch Zufall konnte er durch die Fahrerluke entkommen.

Die deutschen Waffen, die den Sherman trafen, waren besonders hinterhältig. Während die Alliierten meist massive Vollgeschosse verwendeten, setzten die Deutschen Sprengladungen in ihren panzerbrechenden Granaten ein. Diese detonierten Millisekunden nach dem Durchschlag im Inneren des Panzers – eine Handgranate im geschlossenen Raum.

Die 8,8-cm-Flugabwehrkanone, die berüchtigte Acht-Acht, sowie die 7,5-cm-Pak 40 rissen ganze Besatzungen in Sekunden in Stücke.

Noch tödlicher waren die Infanteriewaffen der späten Kriegsjahre: Panzerfaust und Panzerschreck. Ihre Hohlladungsgeschosse erzeugten einen ultraheißen Metallstrahl, der die Panzerung wie Butter durchschmolz und geschmolzenes Stahlspritzer sowie giftige Dämpfe in den Kampfraum schleuderte. Die Überlebenschancen waren gleich null.

Doch selbst wenn der Panzer nicht sofort explodierte, war die Flucht oft unmöglich. Frühe Sherman-Modelle hatten nur eine schmale, zweigeteilte Luke im Turm für Kommandanten, Richtschützen und Ladeschützen. Im Chaos eines Treffers mussten drei Männer durch eine einzige Öffnung klettern – während Rauch und Flammen sie einhüllten.

Ein Veteran berichtete, wie sein Richtschütze und Kommandant sofort getötet wurden und ihre Leichen den einzigen Fluchtweg versperrten. Er konnte nur durch die Fahrerluke entkommen, weil der Turm zufällig in eine günstige Position gedreht war.

Die Fahrer und Beifahrer hatten es kaum besser: Ihre Luken waren rechteckig und so eng, dass sie sich kaum hindurchzwängen konnten. Erst ab 1944 erhielten die Sherman größere, oval geformte Luken mit Federunterstützung und der Ladeschütze bekam eine eigene Luke. Aber für Tausende kam diese Verbesserung zu spät.

Die US-Armee führte später das sogenannte „Nass-Stau-System“ ein: Die Munitionsbehälter wurden mit einer Wasser-Glykol-Mischung gefüllt, die bei einem Durchschuss austreten und Brände löschen sollte. Die Brandwahrscheinlichkeit sank von 80 auf 15 Prozent. Doch die Umstellung dauerte Monate, und viele Einheiten in Europa und im Pazifik kämpften noch lange mit den alten, tödlichen Racks.

Ein weiteres grauenvolles Detail betrifft die Bergung der Toten. Wenn ein Sherman ausbrannte, blieben von der Besatzung nur verkohlte Überreste. Die „Graves Registration Units“ – die Toteneinheiten – mussten die Leichen bergen.

Oft öffneten sie die Bodenluke und spritzten die Überreste mit einem Schlauch heraus. Der Innenraum wurde dann neu gestrichen, um die Spuren des Massakers zu tilgen. Der Panzer selbst wurde repariert und wieder in den Kampf geschickt – mit einer neuen Besatzung, die oft aus Überlebenden anderer abgeschossener Fahrzeuge bestand.

Eine US-Studie aus den Jahren 1944/45 ergab, dass pro abgeschossenem Sherman durchschnittlich ein Besatzungsmitglied starb. Bei den sowjetischen T-34 waren es zwei – trotz kleinerer Besatzung. Die Statistik zeigt, dass der Sherman trotz aller Mängel nicht der absolute Todesfalle war, als die er oft dargestellt wird.

Aber die Art und Weise, wie die Männer starben, war besonders grausam: Verbrennen, Zerbersten durch Explosionen, Erstickung durch Rauch oder die schiere Panik in der Enge des Turms.

Die deutschen Panzerbesatzungen litten unter ähnlichen Schrecken, aber die Sherman-Crews hatten mit einem spezifischen Problem zu kämpfen: der Kombination aus leicht entzündlicher Munition, unzureichender Belüftung und beengten Fluchtwegen. Die Mythen um den „Tommy Cooker“ sind also nicht übertrieben – sie sind die nackte Wahrheit.

Heute, mehr als 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, erinnern sich nur noch wenige Veteranen. Doch die Dokumente und Augenzeugenberichte, die nun in Archiven aufgetaucht sind, lassen keinen Zweifel: Der Sherman war ein notwendiges Übel, ein Panzer, der in Massen produziert werden konnte, aber seine Besatzungen einen hohen Preis zahlen ließ. Die Frage, was mit einer Sherman-Crew nach einem Treffer geschah, ist eine der düstersten Antworten der Militärgeschichte.