Die Hölle an der Somme

Die Hölle an der Somme

Die Erde bebte unter den Explosionen, als am 1. Juli 1916 um 7:28 Uhr die größte von Menschenhand geschaffene Detonation des Ersten Weltkriegs die deutsche Frontlinie an der Somme zerfetzte. Doch was wie eine Vorentscheidung wirkte, entpuppte sich als Ouvertüre zu einem der blutigsten Gemetzel der Geschichte.

Innerhalb von Minuten, nachdem die ersten britischen Soldaten aus ihren Schützengräben gestiegen waren und im Gleichschritt auf die deutschen Stellungen zumarschierten, verwandelte sich das Schlachtfeld in ein Massengrab. Was folgte, waren nicht nur militärische Fehler, sondern eine systematische Vernichtung von Hoffnung und Menschlichkeit – und das über 141 Tage hinweg.

Die Schlacht an der Somme, die heute vor genau 108 Jahren begann, gilt als Inbegriff des sinnlosen industrialisierten Tötens. Über eine Million Soldaten starben, wurden verwundet oder verschwanden spurlos im Schlamm. Die britische Armee erlebte am ersten Tag das schlimmste Blutbad ihrer Geschichte: fast 20.

000 Tote, 37. 000 Verwundete – das entspricht einem Toten alle vier Sekunden, zwölf Stunden lang. Die meisten fielen in der ersten halben Stunde.

Doch die Katastrophe war nicht unvermeidbar. Sie war das Ergebnis von Arroganz, Unfähigkeit und einer fatalen Fehleinschätzung der militärischen Führung. Der britische Oberbefehlshaber Douglas Haig hatte sich gegen die vorsichtige Taktik des “Bite and Hold” entschieden und stattdessen einen massiven Durchbruch befohlen.

Er vertraute auf eine siebentägige Artillerievorbereitung, die die deutschen Verteidigungsanlagen pulverisieren sollte. Doch die Realität sah anders aus: Dreißig Prozent der Granaten waren Blindgänger, zwei Drittel der Geschosse enthielten Schrapnell, das Stacheldraht und Bunker nicht zerstören konnte. Die Deutschen hatten tiefe, mit Stahlbeton gesicherte Unterstände gebaut, die den Bombenhagel überstanden.

Die britischen Soldaten, die am Morgen des 1. Juli die Gräben verließen, waren keine erfahrenen Kämpfer, sondern Freiwillige, die durch Propaganda, sozialen Druck und die berüchtigten “Pals Battalions” zusammengewürfelt worden waren. Nachbarn, Freunde, Brüder – sie alle dienten in denselben Einheiten, um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken.

Diese Taktik erwies sich als verheerend: Als die Maschinengewehre der Deutschen die langen Reihen der langsam vorrückenden Infanterie niedermähten, starben ganze Stadtviertel auf einen Schlag. In den folgenden Wochen erreichten die Verlustlisten die Heimatstädte – und in manchen Orten blieb kein Haus ohne Trauerflor.

Die Franzosen, die ursprünglich die Hauptlast der Offensive tragen sollten, waren durch die Schlacht um Verdun bereits geschwächt. Die geplante kombinierte Großoffensive wurde zur britischen Tragödie. Die Franzosen südlich der Somme erzielten taktische Erfolge, weil sie ihre Artillerie konzentrierter einsetzten und die Überraschung bewahrten.

Doch der Norden blieb eine Todeszone.

Die Kämpfe zogen sich bis in den November. Die britische Armee setzte erstmals Panzer ein, den Mark I – doch das änderte nichts am grundlegenden Scheitern. Die Frontlinie verschob sich um maximal sieben Meilen.

Die Stadt Péronne, die am ersten Tag hätte fallen sollen, wurde erst im März 1917 eingenommen – und auch nur, weil die Deutschen sich freiwillig zurückzogen. 72. 337 Soldaten der Somme haben kein bekanntes Grab.

Ihre Namen sind auf dem Thiepval-Denkmal eingemeißelt, das 150 Fuß hoch in die französische Landschaft ragt.

Die Schlacht war nicht nur ein militärisches Desaster, sondern auch ein psychologisches Trauma. Über 40 Prozent der britischen Verluste wurden als “Shell Shock” diagnostiziert, doch die Militärmedizin der Zeit zeigte wenig Verständnis. Die Überlebenden trugen Narben, die nie heilten, und die Heimatfront erlebte ein kollektives Entsetzen, als der Dokumentarfilm “The Battle of the Somme” im August 1916 in den britischen Kinos anlief.

20 Millionen Menschen sahen die Bilder von verwundeten Soldaten, zerschossenen Landschaften und den langen Reihen der Toten – während die Kämpfe noch tobten.

Unter den deutschen Soldaten, die an der Somme kämpften, war ein 27-jähriger bayerischer Gefreiter namens Adolf Hitler. Er wurde im Oktober 1916 durch einen Granatsplitter am Oberschenkel verwundet und später in ein Lazarett gebracht. Er beschrieb die Schlacht als “mehr Hölle als Krieg”.

Diese Erfahrung sollte ihn prägen – und die Weltgeschichte für immer verändern.

Die Somme ist heute ein Symbol für die Sinnlosigkeit des Krieges. Die Krater der Minen, die Friedhöfe und die endlosen Namen der Vermissten mahnen: Die Statistik von über einer Million Toten und Verwundeten für ein paar Kilometer zerstörter Erde – das ist die wahre Hölle, die sich am 1. Juli 1916 auftat.

Und sie endete nie wirklich.