Mehr als ein Jahrhundert nach dem Ende des Ersten Weltkriegs sind seine blindgänger noch immer tödlich. Hunderte Millionen nicht explodierter Granaten liegen noch immer in den Böden Frankreichs und Belgiens – eine tickende Zeitbombe, die jedes Jahr Menschenleben fordert. Die Zahlen sind erschütternd: Über 1,5 Milliarden Geschosse wurden im Ersten Weltkrieg abgefeuert, schätzungsweise 30 Prozent davon versagten.
Das bedeutet, dass Hunderte Millionen Sprengkörper unkontrolliert im Erdreich schlummern, korrodieren und bei jeder Bodenbewegung zur tödlichen Gefahr werden.
Allein in Frankreich birgt ein spezialisiertes Munitionsräumkommando jährlich rund 900 Tonnen nicht explodierter Kampfmittel. Landwirte, Bauarbeiter und sogar Hobbyarchäologen lösen immer wieder verheerende Unfälle aus. Die Fusionsmechanismen sind nach einem Jahrhundert Korrosion unberechenbar geworden.
Besonders tückisch: Chemische Granaten, die noch immer Haut und Lungen verätzen können – wie Senfgas, das bis heute seine zerstörerische Wirkung entfaltet.
Doch die eigentliche Horrorgeschichte des Ersten Weltkriegs ist die industrielle Vernichtung, die diese Artillerie entfesselte. 70 Prozent aller Kriegsopfer fielen den Geschützen zum Opfer – eine Quote, die jeden anderen Waffentyp weit übertrifft. Die Wunden, die diese Granaten schlugen, waren grauenhaft: Schrapnellkugeln zerrissen ganze Körperteile, Splitter entstellten Gesichter, Druckwellen zerstörten Lungen ohne äußere Verletzungen.
Die Ärzte standen vor nie dagewesenen Herausforderungen – 67. 000 Beinamputationen allein auf deutscher Seite, 41. 000 auf britischer.
Die technische Revolution begann mit der französischen 75-mm-Feldkanone, deren hydropneumatisches Rückstoßsystem eine Feuerrate von 15 bis 30 Schuss pro Minute ermöglichte – zehnmal mehr als bei älteren Geschützen. Die Deutschen reagierten mit der 420-mm-Dicken Bertha, deren 800-Kilogramm-Granaten selbst die stärksten Festungen in Stunden zertrümmerten. Die Schlacht um Lüttich dauerte nur elf Tage, obwohl die belgischen Forts für einen Monat ausgelegt waren.
Doch die wahre Hölle begann im Stellungskrieg. Die Artillerie beherrschte das Schlachtfeld vollständig. Die Kommunikation zwischen Infanterie und Geschützen war katastrophal – Telefonleitungen wurden ständig zerschossen, Funkgeräte waren unzuverlässig.
Die Lösung: der wandernde Feuerwalze, bei dem die Granaten in einem genau getakteten Vorhang vor den eigenen Truppen explodierten. Die Franzosen akzeptierten dabei zehn Prozent Eigenverlust durch die eigene Artillerie.
Die Materialschlachten fraßen Unmengen an Munition. Die Briten steigerten ihre Produktion von einer halben Million Granaten pro Jahr auf über 70 Millionen. Frauen arbeiteten in den Munitionsfabriken unter lebensgefährlichen Bedingungen – Hunderte starben an Vergiftungen oder Explosionen.
Die Wirtschaft der kriegführenden Nationen wurde vollständig auf die Versorgung der Kanonen ausgerichtet.
Die psychischen Folgen waren ebenso verheerend. Über 250. 000 Soldaten litten unter Granatenschock – Zittern, Lähmungen, Albträume, Blindheit.
Die britische Armee verbot 1917 sogar die Diagnose, weil die Zahlen alarmierend waren. 40 Prozent der britischen Verluste an der Somme waren Granatenschock-Fälle. Die Behandlung bestand aus Ruhe, Schlaf, Alkohol – keine Psychiatrie, wie wir sie heute kennen.
Die unterschiedlichen Granatentypen entwickelten eigene Schrecken. Schrapnellgeschosse wirkten wie Schrotflinten von oben. Gasgranaten – mit Chlor, Phosgen oder Senfgas – waren besonders perfide, weil sie lautlos und präzise zuschlugen.
Phosgen tötete 18-mal wirksamer als Chlor, die Symptome traten oft erst nach 48 Stunden auf. Senfgas verätzte Haut und Augen, machte kampfunfähig, ohne sofort zu töten.
Die größten Kanonen des Krieges waren technische Wunderwerke – und zugleich Symbole der Sinnlosigkeit. Die Paris-Geschütze mit 37 Metern Rohrlänge schossen Projektile in die Stratosphäre, um Paris aus 130 Kilometern Entfernung zu treffen. Die Trefferquote war gering, der psychologische Schrecken enorm.
Die österreichische Škoda-305-mm-Mörser waren mobiler und durchschlugen zwei Meter Stahlbeton.
Doch die eigentliche Lehre des Ersten Weltkriegs war, dass Artillerie nicht nur tötet, sondern die Landschaft für immer verändert. Die Schlacht bei Passchendaele zeigte dies auf grausame Weise: 4,5 Millionen Granaten zerstörten die Entwässerungssysteme, verwandelten das Schlachtfeld in einen Morast, in dem Männer, Pferde und Panzer ertranken. Die Briten gewannen fünf Kilometer – um den Preis von 250.
000 Toten.
Heute, mehr als 100 Jahre später, sind die blindgänger immer noch da. Jedes Jahr sterben Menschen bei Unfällen mit diesen Relikten. Die französische Räumbehörde warnt, dass die Arbeit noch Jahrzehnte dauern wird.
Die Granaten des Ersten Weltkriegs haben ihre tödliche Mission nie beendet – sie warten nur darauf, wiederentdeckt zu werden. Die Horrorshow der Artillerie geht weiter, still und unsichtbar unter unseren Füßen.


