Der 1. September 1939 – während die Welt den Beginn des Zweiten Weltkriegs mit dem deutschen Überfall auf Polen verfolgt, endet in München eine der dunkelsten Serien der deutschen Kriminalgeschichte: Der Serienmörder und Sexualverbrecher Johann Eichhorn wird im Gefängnis Stadelheim unter dem Fallbeil hingerichtet. Der 33-Jährige, der im Volksmund bald als „Das Biest von Aubing“ bekannt wurde, hatte über Jahre hinweg mindestens fünf Mädchen und Frauen auf brutalste Weise ermordet und Dutzende weitere vergewaltigt – viele von ihnen noch im Kindesalter.
Die Hinrichtung am frühen Morgen des 1. Dezember 1939 vollzog sich nach einem kurzen, aber gnadenlosen Verfahren vor dem Sondergericht München. Eichhorn, der am 8.
Oktober 1906 in Aubing geboren wurde, hatte in mehreren Verhören gestanden, seine Opfer mit Pistole oder Messer überfallen, vergewaltigt und anschließend getötet zu haben. Seine Taten waren von einer solchen Grausamkeit geprägt, dass selbst die NS-Justiz – sonst geneigt, Verbrechen von Parteimitgliedern zu vertuschen – kein Erbarmen kannte. Eichhorns Mitgliedschaft in der NSDAP, der er 1933 beigetreten war, schützte ihn letztlich nicht vor der Guillotine.
Der Fall erschüttert München bis heute. Die Liste seiner Verbrechen liest sich wie ein Albtraum: Bereits 1928 begann Eichhorn, Frauen im Westen der Stadt zu überfallen, sie zu berauben und zu vergewaltigen. Sein erster Mord geschah im Oktober 1931, als er die 16-jährige Katharina Schätzel während des Oktoberfests ansprach, zu einer Radtour lockte und sie in einem abgelegenen Waldstück bei Ebenhausen vergewaltigte und erwürgte.
Ihre Leiche warf er mit Steinen beschwert in die Isar. Die Polizei stand damals vor einem Rätsel – der Täter blieb unerkannt.
Die Mordserie setzte sich 1934 fort: Im Mai erschoss Eichhorn im Forstenrieder Park die frisch verheiratete Anna Geltel, nachdem sie sich gegen seine Attacke gewehrt hatte. Er schoss ihr in den Hinterkopf und verstümmelte ihren Körper anschließend mit einem 18 Zentimeter langen Messer. Nur wenige Monate später, im September, überfiel er die 25-jährige Berta Sauerbeck in Milbertshofen.
Auch sie wehrte sich, Eichhorn schoss ihr in den Kopf und ließ sie lebendig unter einem Müllhaufen verscharrt zurück, wo sie starb. Die Liste der Opfer wuchs weiter: 1937 die Näherin Rosa Eigelein, 1938 die Hausangestellte Maria Jörg – beides Morde mit Kopfschuss und anschließender Verstümmelung.
Die Überführung gelang erst am 29. Januar 1939, als Eichhorn in der Öffentlichkeit ein zwölfjähriges Mädchen sexuell belästigte. Ein Passant griff ein und überwältigte den Täter.
Die Festnahme führte zu monatelangen Verhören, in denen Eichhorn mehrere Morde gestand. Psychologische Gutachten zeichneten das Bild eines ethisch und moralisch verwahrlosten Psychopathen, der systemisch vorging: Er suchte sich bevorzugt junge Frauen auf Fahrrädern aus, bedrohte sie mit Waffen und tötete sie, wenn sie Widerstand leisteten. Auf die Frage, warum nur fünf von etwa 90 Vergewaltigungsopfern sterben mussten, antwortete Eichhorn kalt: „Wenn die Mädchen sich heftig wehrten, wusste ich nicht, was ich sonst tun sollte.
Wenn sie tot waren, gehörten sie ganz mir. “ Der Schrecken, den dieser Satz auslöst, hallt bis heute nach.
Eichhorns Leben begann in ärmlichen Verhältnissen. Er wuchs als ältestes von acht Kindern in Aubing auf, seine Eltern arbeiteten als Tagelöhner. Schon früh zeigte sich eine dunkle Veranlagung: Vermutlich waren seine eigenen beiden Schwestern die ersten Opfer seiner Gewalt.
Nach der Volksschule lernte er Schlosser, arbeitete später als Rangierer bei der Deutschen Reichsbahn – Kollegen beschrieben ihn als hilfsbereit und zuverlässig. Die Fassade eines normalen Familienvaters, der 1935 Josefa heiratete und zwei Kinder bekam, zerbrach mit jedem Mord. Seine Frau ließ sich nach der Verurteilung scheiden und floh mit den Kindern aus Aubing, um dem Stigma der Öffentlichkeit zu entgehen.
Der Prozess vor dem Sondergericht München war kurz. Die Beweislast war erdrückend: Zeugenaussagen, forensische Ergebnisse, Eichhorns eigene Geständnisse. Das Gericht verurteilte ihn zum Tode durch das Fallbeil.
In einem Abschiedsbrief an seine Ex-Frau und die Kinder schrieb Eichhorn wenige Tage vor der Hinrichtung: „Nachdem ich großes Unrecht begangen habe, muss ich auch die furchtbaren Folgen tragen. Ich selbst habe den Wunsch geäußert, euch nicht mehr zu sehen. “ Am 1.
Dezember 1939, um 6 Uhr morgens, war das Leben des 33-Jährigen beendet.
Dass dieser Fall jahrzehntelang nahezu unbekannt blieb, ist kein Zufall. Die NS-Propaganda unter Joseph Goebbels unterdrückte bewusst die Berichterstattung über Verbrechen von NSDAP-Mitgliedern. Eichhorns Mitgliedschaft in der Partei führte dazu, dass seine Taten nicht in den Zeitungen erschienen, um das Regime nicht zu diskreditieren.
Erst 2007 brachte der Roman „Kaltis“ von Andrea Maria Schenkel die dunkle Geschichte wieder ins öffentliche Bewusstsein. Heute sind im Polizeimuseum München unter dem Titel „Das Biest von Aubing“ originale Ermittlungsakten, Verhandlungsplakate und sogar die Messer ausgestellt, mit denen Eichhorn seine Opfer verstümmelte.
Die Hinrichtung Johann Eichhorns beendete eine der blutigsten Serienmordfälle der deutschen Geschichte – doch sie warf auch ein grelles Licht auf die Doppelmoral des NS-Staates, der Verbrechen seiner eigenen Parteigänger zu vertuschen versuchte. Noch heute fragen Historiker, wie viele weitere Opfer es hätte geben können, wäre Eichhorn nicht durch einen glücklichen Zufall gestoppt worden. Seine Geschichte ist eine Mahnung an die Schattenseiten der menschlichen Natur, die auch in Zeiten größter historischer Umwälzungen niemals vergessen werden darf.
Die Münchner Polizei hat nach eigener Aussage sämtliche noch vorhandenen Akten des Falls archiviert. Für die Angehörigen der Opfer bleiben die Narben jedoch für immer sichtbar. Während die Welt auf den Kriegsbeginn blickte, wurde in München ein einsames Kapitel der Gewalt mit einem scharfen Fallbeil beendet – aber die Erinnerung an die Toten lebt weiter.


