Sie war die Tochter des Massenmörders Heinrich Himmler – und bis zu ihrem Tod eine unbeirrbare Nationalsozialistin. Gudrun Burwitz, geborene Himmler, starb am 24. Mai 2018 im Alter von 88 Jahren in München.
Doch ihr Vermächtnis wirft noch heute ein grelles Licht auf die Kontinuität des Nazi-Gedankenguts in der Nachkriegszeit.
Geboren am 8. August 1929 in München, wuchs Gudrun als „Püppi“ in einer Welt der SS-Ehren und Führerkult auf. Ihr Vater, der Reichsführer SS, vergötterte seine einzige leibliche Tochter.
Er ließ sie regelmäßig nach Berlin holen, schrieb ihr Briefe, telefonierte täglich. Schon als Kind sammelte sie Zeitungsfotos von ihm in einem Album – und notierte verbittert, dass „Papi“ keine Orden bekam, obwohl er sie verdient hätte.
Einen erschütternden Einblick in ihre Kindheit gibt ein Tagebucheintrag vom 14. November 1941. Damals besuchte die Zwölfjährige das KZ Dachau.
„Wir haben alles gesehen, was wir sehen konnten. Wir sahen die Gartenarbeiten, wir sahen die Birnenbäume, wir sahen alle Bilder, die von den Häftlingen gemalt worden waren. Wundervoll.
Und danach hatten wir reichlich zu essen. Es war sehr schön. “ Diese Zeilen zeigen: Für die „Naziprinzessin“ war der Ort des millionenfachen Leids eine angenehme Exkursion.
Heinrich Himmler erkannte die Niederlage nach der alliierten Landung in der Normandie. Er versuchte noch, mit den Westalliierten zu verhandeln, doch Hitler enthob ihn aller Ämter. Himmler tauchte unter, rasierten seinen Schnurrbart, trug eine Augenklappe.
Am 21. Mai 1945 fassten britische Truppen ihn bei Bremen. Drei Tage später biss er auf eine Zyankali-Kapsel – er entzog sich so der Verantwortung für den Holocaust und sechs Millionen ermordete Juden.
Gudrun erfuhr vom Suizid ihres Vaters in Gefangenschaft. Es war der Zusammenbruch ihrer Welt. Fortan hegte sie die Verschwörungstheorie, die Alliierten hätten ihn ermordet.
Sie hielt bis zuletzt an dieser Lüge fest. Nach dem Krieg durchlief sie Internierungslager in Italien, Frankreich, Deutschland, auch das Nürnberger Kriegsverbrechergefängnis. Im November 1946 wurden sie und ihre Mutter entlassen.
Gudrun beschrieb diese Zeit später als „schwärzeste Jahre“ – und klagte, sie müsse für die Sünden des Vaters büßen.
Statt Distanzierung folgte Radikalisierung. Gudrun Himmler arbeitete in den 1950er Jahren als Schneiderin, Angestellte, Sekretärin – verlor Stellen immer dann, wenn ihre Herkunft bekannt wurde. Sie tauchte in die rechtsextreme Szene ein.
1955 reiste sie auf Einladung einer britischen neofaschistischen Bewegung und erklärte dort, ihr Vater sei „ein großer Mann, missverstanden, guter Name von den Juden zerstört“.
Ihre aktivste Zeit erlebte sie in den 1960er Jahren. Von 1961 bis 1963 arbeitete sie unter falschem Namen als Sekretärin beim Bundesnachrichtendienst (BND) in Pullach. Der Dienst wurde damals von Reinhard Gehlen geleitet, der zahlreiche Ex-Nationalsozialisten einstellte – ein offenes Geheimnis der frühen Bundesrepublik.
Gudrun Burwitz nutzte diese Position, um die Geheimdienstarbeit im Sinne der alten Kameraden zu beeinflussen.
Sie heiratete den rechtsextremen Propagandisten Wolf-Dieter Burwitz, NPD-Funktionär, und bekam zwei Kinder. Ihren wahren Namen hielt sie selbst vor dem Schwiegersohn geheim. Sie lebte unauffällig, das Haus war nicht auf sie angemeldet, sie hatte keinen eigenen Telefonanschluss.
Doch hinter den Kulissen war sie eine Schlüsselfigur der Organisation „Stille Hilfe“, die flüchtige und verurteilte NS-Verbrecher unterstützte.
Ein besonders brisanter Fall: der ehemalige SS-Wachmann Anton Malloth, der im Ghetto Theresienstadt Dienst getan hatte. 40 Jahre lebte er unbehelligt in Italien, wurde 1988 enttarnt und nach Deutschland abgeschoben. Gudrun Burwitz organisierte ihm ein komfortables Zimmer in einem Seniorenheim, das auf dem ehemaligen Grundstück von Rudolf Hess gebaut worden war.
Sie trieb die Spenden dafür selbst ein.
Über Jahrzehnte hinweg pflegte sie Kontakte zu ehemaligen SS-Angehörigen, unterstützte die Viking-Jugend, eine Nachfolgeorganisation der Hitlerjugend, und trat bei Ulrichsbergtreffen in Österreich auf – einem alljährlichen Treffen von Waffen-SS-Veteranen und Neonazis. Der Journalist Oliver Schröm bezeichnete sie als „schillernde Naziprinzessin“. Sie genoss dort Starstatus und Autorität.
In den 1950er Jahren beantragte sie ein Visum für die USA. Sie wollte angeblich Dokumente finden, die den Namen ihres Vaters reinwaschen würden. Die USA lehnten ab: Die Tochter des Mannes, der Auschwitz und den Mord an sechs Millionen Juden zu verantworten hatte, bekam nie eine Einreiseerlaubnis.
Gudrun Burwitz starb unbelehrbar. Bis zuletzt leugnete sie die historische Wahrheit. Ihr Fall zeigt, wie der Schatten des Nationalsozialismus noch Jahrzehnte nach dem Untergang des Dritten Reiches in den Winkeln der deutschen Gesellschaft weiterlebte – versteckt, organisiert und fanatisch.
Die „Naziprinzessin“ blieb ihrem Erbe treu: dem Hass, der Lüge, der Verklärung eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte.


