Hugo Sperrle verließ den Gerichtssaal in Nürnberg als freier Mann – während andere Generäle der Wehrmacht zu lebenslanger Haft oder zum Tode verurteilt wurden, entging der einst mächtigste Luftwaffenkommandeur des Dritten Reiches knapp der historischen Gerechtigkeit. Der Generalfeldmarschall, der die Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg befehligt hatte, war der ranghöchste deutsche Offizier, den das alliierte Tribunal im sogenannten Oberkommandoprozess freisprach. Das Urteil vom Oktober 1948 wirft bis heute ein grelles Licht auf die Grenzen der Nachkriegsjustiz und die schwierige Frage nach der individuellen Verantwortung in einem totalitären Kriegssystem.
Sperrles Aufstieg begann in Ludwigsburg, wo er am 7. Februar 1885 in eine bürgerliche Brauerfamilie hineingeboren wurde. Der Eintritt als Fahnenjunker in die württembergische Armee im Juli 1903 war der erste Schritt einer steilen Karriere.
Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er als Artillerieoffizier diente und später zur Luftaufklärung wechselte, gehörte er zu jenen hochtalentierten Militärs, die die verbotenen deutschen Luftstreitkräfte im Geheimen am Leben hielten. Als Adolf Hitler 1933 die Macht übernahm, wurde Sperrle zum entscheidenden Mann beim Aufbau der neuen Luftwaffe. Ein Jahr später, 1934, war er bereits Generalmajor.
Der wahre Prüfstein seiner Karriere war der Spanische Bürgerkrieg. Im November 1936 übernahm Sperrle den Befehl über die Legion Condor – eine deutsche Expeditionstruppe, die Francisco Franco unterstützte. Hier, auf dem spanischen Schlachtfeld, testete die Luftwaffe ihre neuen Bomber und Taktiken unter realen Bedingungen.
Der Höhepunkt dieser Kampagne war der Angriff auf die baskische Stadt Guernica am 26. April 1937. Die systematische Zerstörung der zivilen Stadt durch deutsche Bomber tötete Hunderte Menschen und wurde zum Symbol für die Brutalität des modernen Luftkriegs.
Sperrles genaue Rolle in dieser Operation bleibt bis heute umstritten. Historiker streiten, ob er persönlich den Befehl zu diesem Angriff gab oder ob die operative Freiheit untergeordneter Kommandeure wie Wolfram von Richthofen den Ausschlag gab.
Fest steht: Sperrle trug die Gesamtverantwortung. Er verteidigte die Aktionen der Legion Condor stets als militärisch notwendig. Guernica sei ein strategischer Verkehrsknotenpunkt gewesen, argumentierte er später.
Die internationale Gemeinschaft war entsetzt – und das Bild des brennenden Guernica, verewigt in Picassos Meisterwerk, brannte sich ins kollektive Gedächtnis ein.
Nach seiner Rückkehr aus Spanien im Oktober 1937 stieg Sperrle weiter auf. Er übernahm das Kommando über die Luftflotte 3, die im Westfeldzug 1940 eine zentrale Rolle spielte. Seine Bomber unterstützten den schnellen Panzervorstoß durch die Ardennen, zerstörten Brücken und Nachschublinien und ebneten den Weg für die Kapitulation Frankreichs.
Am 19. Juli 1940 ernannte Hitler ihn zum Generalfeldmarschall – die höchste militärische Auszeichnung, die im Deutschen Reich verliehen werden konnte.
Doch der Höhepunkt seiner Karriere war zugleich der Beginn ihres Niedergangs. In der Luftschlacht um England befehligte Sperrle den Nordflügel der Angriffe. Seine Einheiten sollten die Royal Air Force ausschalten, um eine Invasion vorzubereiten.
Als dies scheiterte, befahl Hitler den sogenannten Blitz: die systematische Bombardierung britischer Städte, insbesondere Londons. Sperrle hatte offenbar Bedenken. Einige Berichte deuten darauf hin, dass er lieber weiterhin militärische Ziele attackiert hätte, anstatt Zivilisten zu terrorisieren.
Doch er widersprach Görings Befehlen nicht offen. Der Blitz dauerte von September 1940 bis Mai 1941, tötete Tausende Briten und erreichte sein strategisches Ziel nicht – die Kapitulation Großbritanniens.
Nach dem Scheitern im Westen wurde Sperrles Luftflotte an die Atlantikküste verlegt. Von 1941 bis 1944 kämpfte sie gegen die alliierte Bombardierung und bereitete sich auf die erwartete Invasion vor. Doch die Luftwaffe war längst geschwächt.
Treibstoff fehlte, Piloten waren knapp, die Produktion kam nicht nach. Am 6. Juni 1944, dem D-Day, konnte Sperrle die alliierte Landung in der Normandie praktisch nicht verhindern.
Der Luftraum war fest in alliierter Hand. Im August 1944 wurde er von seinem Kommando entbunden und in die Führerreserve versetzt – eine faktische Pensionierung.
Die Kapitulation 1945 bedeutete das Ende des Krieges für Sperrle. Die Briten nahmen ihn gefangen. Zwei Jahre später, am 5.
Februar 1948, begann in Nürnberg der Prozess gegen ihn und 13 weitere hochrangige Militärs. Die Anklage war schwer: Planung und Führung eines Angriffskrieges, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Verstöße gegen die Kriegsgesetze. Die Ankläger führten Guernica und den Blitz als Hauptbeweise an.
Sie argumentierten, Sperrle habe vorsätzlich Zivilisten angegriffen.
Doch die Verteidigung konterte geschickt. Sperrle sei ein professioneller Soldat gewesen, kein Nazi. Er habe Befehle ausgeführt, nicht Teil der obersten politischen Führung.
Die Beweislage gegen ihn war tatsächlich dünn: Direkte Befehle von seiner Hand für rechtswidrige Angriffe konnten nicht zweifelsfrei belegt werden. Zudem spielte eine unangenehme Wahrheit eine Rolle: Die alliierten Richter zögerten, Luftkampagnen zu verurteilen, die ihren eigenen Bombardierungen deutscher Städte ähnelten. Dresden, Hamburg, Tokio – Zehntausende Zivilisten waren durch alliierte Bomben gestorben.
Wie hätte man Sperrle für den Blitz verurteilen können, ohne die eigenen Strategien zu hinterfragen?
Der Freispruch am 28. Oktober 1948 war daher rechtlich möglich, politisch gewollt und moralisch fragwürdig. Sperrle verließ den Gerichtssaal als freier Mann.
Im Juni 1949 sprach ihn auch eine Münchner Spruchkammer von Schuld frei. Er galt als Mitläufer, nicht als Hauptschuldiger.
Seine letzten Jahre verbrachte Sperrle in Bayern. Er schrieb keine Memoiren, gab keine Interviews, rechtfertigte sich nicht öffentlich. Warum schwieg er?
Vielleicht wusste er, dass jedes Wort ihn hätte belasten können. Vielleicht war er einfach desillusioniert und müde. Als er im April 1953 in München starb, registrierte kaum eine Zeitung seinen Tod.
Er wurde 62 Jahre alt. Seine letzte Ruhestätte fand er später auf dem Militärfriedhof nahe der Luftwaffenbasis Lechfeld – eine stille Rückkehr in die Welt der Luftfahrt, die sein Leben definiert hatte.
Sperrle Geschichte ist weit mehr als die Biografie eines gescheiterten Feldmarschalls. Sie ist ein Spiegel der Widersprüche des 20. Jahrhunderts.
Ein Mann, der dem Kaiserreich, der Weimarer Republik und dem Dritten Reich diente, der Guernica mitzuverantworten hatte und dennoch ungestraft blieb. Sein Freispruch warf sofort die Frage auf: War das Tribunal zu nachsichtig? Oder fehlten schlicht die Beweise?
Die Wahrheit liegt, wie so oft in der Geschichte, in der Grauzone. Der kalte Krieg bestimmte bereits die Agenda. Der Westen brauchte deutsche Unterstützung.
Zu harte Urteile gegen Militärs hätten kontraproduktiv wirken können. Zudem war das Konzept der Befehlsverantwortung in Nürnberg erst im Entstehen. Es gab wenig Präzedenzfälle.
Richter tendierten dazu, Kommandeure der unteren und mittleren Ebene streng zu verurteilen – für tatsächlich begangene Gräueltaten. Aber einen Feldmarschall, der nie direkt an der Front stand, dessen Hände nie selbst das Blut der Opfer berührten, verurteilte man nur schwer.
Sperrle Fall zeigt daher die Grenzen der internationalen Strafjustiz nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Sie war von Anfang an ein politisch motiviertes Projekt, in dem Gerechtigkeit, Rache und Wiederaufbau ineinandergriffen. Ihn freizusprechen, war rechtlich möglicherweise korrekt, aber historisch unbefriedigend.
Denn die moralische Verantwortung für Guernica und den Blitz trug er unstrittig.
Wenn die Nachwelt also Hugo Sperrle betrachtet, steht sie vor einem Rätsel: War er ein hochqualifizierter Militär, der seine Pflicht über alles stellte? Oder war er ein williger Vollstrecker eines verbrecherischen Regimes, der sich nach 1945 clever aus der Verantwortung stahl? Die Antwort ist komplex.
Vielleicht war er beides. Vielleicht war er nichts von beidem.
Sicher ist: Sperrle entkam der Gerechtigkeit. Nicht, weil er unschuldig war, sondern weil das System der Siegerjustiz an seine Grenzen stieß. Seine Geschichte erinnert uns daran, dass die großen historischen Narrative selten sauber sind.
Sie sind voller Ungereimtheiten, halben Wahrheiten und versäumter Gelegenheiten. Wer die Vergangenheit wirklich verstehen will, muss diese Graustufen aushalten.


